Raumfahrtchronik 04. Oktober 1957
04.10.1957
Am 04.10.1957 um 19:29 UTC startete vom Raketentestgelände Tjuratam (später bekannt als Baikonur) eine modifizierte Interkontinentalrakete vom Typ R-7 (NATO-Code SS-6 Sapwood). Unter der Nutzlastspitze der Sputnik 8K71PS Rakete befand sich ein einfacher kugelförmiger Satellit namens Sputnik. Als wenige Minuten später die ersten sowjetischen Bodenstationen die Funksignale des weltweit ersten Satelliten aus dem Orbit empfingen, war endgültig das Raumfahrtzeitalter angebrochen. Der Start eines Satelliten war sowohl von den USA als auch von der Sowjetunion für den Zeitraum des sogenannten Internationalen Geophysikalischen Jahres (IGJ) angekündigt worden. So hatte am 29.07.1955 US-Präsident Dwight D. Eisenhower bekanntgegeben, daß die USA einen kleinen Forschungssatelliten mit einer „zivilen” Trägerrakete während des IGJ (01.07.1957 bis 31.12.1958) starten würden. Wenige Tage später konterte Leonid Sedow, ein anerkannter sowjetischer Wissenschaftler. Er erklärte, daß die Sowjetunion beabsichtigte, einen weit schwereren Satelliten zu starten. Damit hatte er sich recht weit vorgewagt, denn zu diesem Zeitpunkt stand der erste Flug der R-7 Rakete noch aus und auch die Bauarbeiten am Startgelände Baikonur hatten gerade erst begonnen. In einem beispiellosen Kraftakt wurde das Raketentestgelände aus dem Boden gestampft. Auch die Entwicklung der Rakete machte Fortschritte. Doch erst am 30.01.1956 gab die Regierung den Weg frei für die Entwicklung eines Satelliten. Dieser sollte mit 1.200-1.400 kg sehr schwer und umfangreich instrumentiert werden. Ende 1956 wurde aber deutlich, daß das „Objekt D” keinesfalls bis zum Spätsommer 1957 fertiggestellt sein würde. Auch lag der spezifische Impuls der Triebwerke noch immer unter den projektierten Werten. Daraufhin wurde auf Vorschlag von Michail K. Tichonrawow ein kleiner und leichter Testsatellit ohne jede wissenschaftliche Ausrüstung entworfen und gebaut. Dieser erhielt die Bezeichnung PS-1 (Abk., svw. vereinfachter Sputnik). Sputnik bestand aus zwei mit Stickstoff gefüllten Aluminiumhalbschalen. Im Inneren der kugelförmigen Satellitenzelle von 0,58 m Durchmesser waren 3 AgZn-Batterien installiert, die einen Lüfter zur Thermoregulierung und 2 Kurzwellensender speisten. Außen waren zwei Paare von Antennen mit einer Länge von 2,4 m bzw. 2,9 m installiert. Die Gesamtmasse des Satelliten betrug 83,6 kg, nahezu das 10-fache des geplanten amerikanischen „Vanguard” Satelliten. Die seit dem 15.05.1957 laufende Flugerprobung der R-7 Rakete war, wie nicht anders zu erwarten, mit gemischten Ergebnissen verlaufen. Die Resultate lagen zwischen Totalversager und Flug über die volle Distanz von über 6.400 km. Trotz der noch fehlerbehafteten Rakete ging Sergej P. Koroljow das Risiko ein, und bereitete eine modifizierte R-7 (Erzeugnis 8K71PS) auf den Start von Sputnik vor. Das Wagnis zahlte sich aus. Die Rakete hob planmäßig ab und stieg auf der projektierten Bahn auf. Allerdings gab es Probleme mit der synchronen Zündung der Triebwerke, was beinahe zu einem heißen Startabbruch geführt hätte. Bei T+16 s trat eine Fehlfunktion im System für die gleichmäßige Leerung der Treibstofftanks auf, was einen höheren Kerosinverbrauch bewirkte. Die Erststufentriebwerke hatten daher 1 s vorzeitig Brennschluß. Doch die Zweitstufe beförderte den Satelliten sicher auf eine Umlaufbahn, wenn diese auch 80 bis 90 km zu niedrig ausfiel. Die Signale der beiden Bordsender, von denen jeweils einer in der Sendepause des anderen aktiv war, konnten bald darauf von Funkamateuren rund um den Globus empfangen werden. Die Reaktionen in aller Welt auf die Pressemitteilung von TASS zum Start von Sputnik fielen widersprüchlich aus. Einerseits kannte die Begeisterung der Menschen kaum Grenzen und man war sich durchaus bewußt, daß ein neues Zeitalter begonnen hatte. Andererseits wurde die Bedrohung durch sowjetische Atomraketen greifbar. Insbesondere in den USA löste der Start den sogenannten „Sputnik-Schock” aus. Das Selbstverständnis der Amerikaner als führende Weltmacht war tief erschüttert. In der Folge wurden verschiedene Raketenprojekte in den USA stark forciert und bekamen höchste Dringlichkeitsstufen. Die US Army erhielt die Erlaubnis zum Start eines Satelliten. Wernher von Braun begann seine Karriere und die NASA als Raumfahrtbehörde wurde gegründet. Letztlich bildete der Start von Sputnik den Auftakt zu einem beispiellosen Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum, markierte aber auch den Beginn der Erforschung des Kosmos mit raumfahrttechnischen Mitteln.