02.12.1995

Das von ESA und NASA gemeinsam entwickelte und finanzierte Sonnenobservatorium SOHO (Solar and Heliospheric Observatory) startete am 02.12.1995 mit einer Atlas IIAS von Cape Canaveral. Die Centaur Endstufe beförderte den Satelliten auf eine spezielle hochelliptische Bahn, so daß SOHO im sogenannten L1 Lagrange Punkt stationiert werden konnte. Diese Position bot ideale Voraussetzungen für die in den nächsten mindestens zwei, ideal sechs Jahren geplanten Beobachtungen der Sonne. Der L1 Punkt bot u.a. den Vorteil, daß es dort nicht zu einer Eklipse durch die Erde kommen kann. Ziel der Mission war insbesondere die Erforschung der solaren Korona, ihrer Bildung, ihres Aufheizmechanismus und ihres Übergangs in den Sonnenwind. Zweiter wichtiger Punkt waren Studien der Struktur der Sonne und ihrer inneren dynamischen Prozesse - vom Kern bis zur Photosphäre. Koronographen, Teleskope für den extremen UV-Bereich, Spektrometer, Teilchen und Strahlungsexperimente bildeten den Kern der wissenschaftlichen Ausrüstung von SOHO. 1996 war eine Phase der realtiven Ruhe auf der Sonne, während für das Jahr 2000 ein Maximum an Sonnenflecken erwartet wurde. Dieser Sonnenzyklus sollte von SOHO komplett begleitet werden. Der ausgezeichnete Zustand des Satelliten auch nach mehrjährigem Betrieb machte eine Verlängerung der Mission möglich. Am 25.06.1998 schien die Mission dann unerwartet verloren zu sein. Bei einem vom Goddard Space Flight Center initiierten Routinemanöver geriet SOHO außer Kontrolle, die Solarzellen waren nicht mehr auf die Sonne ausgerichtet. Ein Tigerteam von Ingenieuren der ESA und der Herstellerfirmen reiste daraufhin nach Greenbelt und unterstützte die dortigen Kollegen bei ihren Versuchen, SOHO zu orten und wieder unter Kontrolle zu bringen. Am 28.07.1998 war SOHO vom gewaltigen Radarteleskop in Arecibo (Puerto Rico) lokalisiert worden. Am 06.08.1998 reagierte sie erstmals wieder auf einige der Funkkommandos. Lediglich zwei bis zehn Sekunden lange Signalbruchstücke konnten empfangen werden. In einer komplexen Rettungsaktion konnte der Satellit, dessen Batterien fast leer und dessen Treibstoffvorräte eingefroren waren, gerettet werden. Anfang September 1998 waren die Batterien wieder geladen, die Treibstofftanks aufgetaut. Zwischen Oktober und November 1998 konnten dann auch die wissenschaftlichen Experimente wieder in Betrieb genommen werden. Der Verlust der Kontrolle über SOHO wurde übrigens später auf menschliches Versagen (infolge von Überlastung) und eine fehlerhafte, neu installierte Betriebssoftware zurückgeführt. Obwohl SOHO das Einfrieren relativ glimpflich überstanden hatte, war doch der Ausfall von zwei der drei Gyroskope zur Lagestabilisierung zu beklagen. Als am 21.12.1998 auch der letzte Kreise versagte, war man jedoch vorbereitet. Eine neue Software ermöglichte es, den Satelliten auch ohne die Kreiselreferenzdaten raumstabil zu halten. Erstmals konnte die Mission eines 3-Achsen-stabilisierten Satelliten derart gerettet werden. Am 27.06.2003 trat das nächste ernste Problem auf. Die Hochgewinnantenne konnte nur noch unter einem eingeschränkten Winkel zur Erde ausgerichtet werden. Nach drei Tagen war eine Ausweichstrategie implementiert. Eine Antenne mit geringerem Gewinn übernahm die Aufgabe, der Datenrekorder wurde verstärkt zur Zwischenspeicherung der Daten genutzt und auf der Erde mußte nun eine 34 m statt der bisherigen 26 m Antenne die schwächeren Signale aufnehmen. Leider konnte auch damit kein ununterbrochener Datenempfang mehr sichergestellt werden. Alle drei Monate gelten für zwei bis drei Wochen einige Einschränkungen. Doch für eine Mission, die ihre projektierte Lebensdauer bereits weit überschritten hatte, war das nur ein kleiner Verlust. Immerhin wurde die weitere Finanzierung des SOHO Programms bis zum Jahr 2007 sichergestellt.



Raumfahrtchronik