16.04.2004
Im September 2001 erteilte der japanische Satellitenbetreiber Space Communications Corporation seinem langjährigen Lieferanten Boeing Satellite Systems (vormals Hughes Space and Communications) den Auftrag zum Bau eines weiteren BSS-601 Satelliten. Der Startvertrag wurde mit International Launch Services unterschrieben, die eine Atlas IIAS bereitstellten. Die mit vier Feststoffboostern verstärkte Rakete hatte einen derartigen Leistungsüberschuß, daß sich die Missionsplaner diesen zunutze machten, um den Satelliten besonders treibstoffsparend auf eine Synchronbahn zu befördern. Man wählte eine sogenannte „supersynchrone” Transferbahn, bei der das Apogäum weit höher als die üblichen 36.000 km einer Standard-Transferbahn ins All reichte. Diesmal lag das Apogäum bei sensationellen 122.343 km! Der Vorteil einer solchen Bahn liegt darin, daß für die folgenden Bahnmanöver deutlich weniger Treibstoff aufgewendet werden muß. Nach dem erfolgreichen Start des Satelliten am 16.04.2004 wurde diese Ersparnis auch groß herausgestellt, erhoffte sich der Betreiber SCC doch eine Verlängerung der Lebensdauer des Satelliten von mehreren Jahren. Während aber noch entsprechende Pressemitteilungen veröffentlicht wurden, kämpften die Experten im Kontrollzentrum hektisch um die Rettung des Satelliten. Denn die Kehrseite des hohen Apogäums war auch ein sehr niedriges Perigäum von 167 km. Wie sich zeigte, hatte Boeing, wo die Bahnvorgaben erarbeitet worden waren, den Gravitationseinfluß des Mondes nicht genügend einkalkuliert. Ehe man darauf reagieren konnte, war das Perigäum auf unter 100 km abgesunken, wodurch Superbird 6 (Superbird A2) beim Durchflug durch die Atmosphäre extremer Reibungshitze ausgesetzt war. Als es gelang, das Triebwerk des Satelliten zu zünden und das Perigäum anzuheben, hatte er bereits schwere Schäden erlitten. Kritisch war die Situation auch, weil sich die Batteriekapazität des Satelliten dem Ende näherte, die Solarzellenflächen aber wegen der großen Erdnähe noch nicht entfaltet werden konnten. Die äußeren Segmente der Solarzellenflächen waren bereits beschädigt worden und lieferten nur noch einen Bruchteil der projektierten Leistung. Außerdem war ein Großteil des Treibstoffs bei dem Notmanöver und zum Einflug in die geostationäre Bahn aufgebraucht worden. Die erwarteten 13 Jahre Lebensdauer konnten keinesfalls mehr erreicht werden. Auch war ein gleichzeitiger Betrieb aller 23 Ku-Band und 4 Ka-Band Transponder aufgrund der verringerten Leistungsausbeute der Solarzellen nicht mehr möglich. Daraufhin verschob die SCC als Eigner des Satelliten die für Juli 2004 geplante Indienststellung. Als am 28.11.2004 dann auch noch einer der Treibstofftanks die Druckbeaufschlagung einbüßte, gab man diese Pläne wohl endgültig auf. Jedenfalls wurde Superbird 6 nie offiziell in Dienst gestellt. Bereits seit Dezember 2005 operierte der Satellit nur noch auf einem inklinierten Orbit. Für den Verlust zahlten die Versicherer der SCC 243,4 Mio. $ an Kompensationszahlungen. Der Versuch der Versicherungsunternehmen, ihrerseits Schadenersatz von Boeing zu erhalten, endete Anfang des Jahres 2009 mit einem Vergleich, in dem Boeing lediglich eine geringe Erstattung auferlegt wurde.
18.04.2004

Zwei experimentelle Kleinsatelliten hatte die erstmals in dieser Konfiguration eingesetzte CZ-2C-III Rakete an Bord, die am 18.04.2004 vom Raumfahrtzentrum Xichang gestartet wurde. Hauptnutzlast war Shiyan 1 (SY 1), der auch als Tansuo 1 (TS 1) bezeichnet wurde. Der 200 kg Satellit war gemeinsam von der Harbin Polytechnic University und verschiedenen Forschungsinstituten entwickelt worden. Technische Details wurden nicht bekannt, es soll sich aber um den ersten chinesischen digitalen Erderkundungssatelliten mit der Kapazität zur Generierung von Stereo-Bildern gehandelt haben. Das Kamerasystem war bereits einige Jahre zuvor als Kombination aus drei CCD-Kameras mit 10 m Auflösung und 120 km Schwadbreite beschrieben worden. Außerdem erreichte der erste chinesische Mikrosatellit, Naxing 1 (auch Nano Satellite 1 bzw. NS 1) seine sonnensynchrone Bahn. Er war als Trainingsobjekt angehender Ingenieure an der Qinghua University in Zusammenarbeit mit Experten der Aerospace Qinghua Technologies Co. Ltd. entstanden und diente nicht näher benannten technologischen Experimenten. Die chinesische Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Details zur Mission der beiden Satelliten und die Tatsache, daß die Nutzlastkapazität der eingesetzten Rakete ein Vielfaches der angegebenen Satellitenmassen betrug, führte rasch zu Spekulationen, daß China mit der Rakete heimlich einen weiteren militärischen Satelliten gestartet haben könnte. Tatsächlich hatte der Start auch ein größeres Objekt auf einer niedrigeren Bahn produziert. Doch weitere handfeste Anhaltspunkte für diese Theorie gab es nicht. Nicht unwahrscheinlich ist auch, daß die beiden Satelliten eigentlich zum Start mit der Kaituozhe 1 vorgesehen waren, die aber noch auf ihre Einsatzreife wartete. Der Jungfernflug eines anderen neuen Raketenmodells scheint da eine logische Alternative.
19.04.2004

Die neunte Stammbesatzung der ISS machte sich am 19.04.2004 um 03:19 UTC auf den Weg zur Raumstation. Neben Gennadi Padalka und Michael Fincke befand sich der Niederländer André Kuipers an Bord von Sojus TMA-4. Kuipers, der im Sternenstädtchen die komplette Ausbildung zum Bordingenieur der Sojus absolviert hatte, übernahm entsprechend seiner Qualifikation auch diese Rolle beim Start, obwohl er lediglich zu einem Kurzaufenthalt auf der ISS unterwegs war. Der Start der Sojus-FG 11A511U-FG von Baikonur verlief reibungslos, ebenso die Annäherung und das Docking mit der Raumstation. Die Sojus legte am 21.04.2004 um 05:01 UTC am „Sarja” Modul der ISS an. 1½ Stunden später öffneten sich die Luken und die drei Raumfahrer wurden von der bisherigen Stammbesatzung herzlich begrüßt. Nach einer ersten Einweisung wurde bereits der Konturensitz von Kuipers in Sojus TMA-3 montiert, sollte er doch zusammen mit Michael Foale und Alexander Kaleri in einer Woche mit diesem Raumschiff zur Erde zurückkehren. Bis dahin hatte Kuipers aber ein dicht gepacktes Programm an Experimenten im Rahmen seiner europäischen Mission „DELTA” (Dutch Expedition for Life Science, Technology and Atmospheric Research) zu erledigen. Die Forschungen betrafen die Raumfahrtmedizin, Biologie und Mikrobiologie, Physik, Erderkundung und Technologie. Dazu kamen Demonstrationen im Rahmen verschiedener Bildungsprojekte.
20.04.2004
Bereits 1976 hatten NASA Wissenschaftler den Versuch unternommen, mit einer suborbitalen Sonde einen Teilaspekt der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein experimentell zu bestätigen. Dazu wurde ein Wasserstoff-Maser als hochpräzise „Atomuhr” mit einer Scout Rakete von Wallops Island auf rund 10.000 km Höhe befördert. Während des 1:55 h dauernden Fluges wurden die Zeitmeßdaten kontinuierlich übertragen. Tatsächlich gelang es, die von Einstein vorausgesagte Beschleunigung des Zeitflusses bei verringerter Gravitation experimentell mit der Gravity Probe A (GP-A) Mission zu bestätigen. Daraufhin wandten sich die Wissenschaftler einer noch anspruchsvolleren zweiten Mission zu. Diese war bereits 1959 konzipiert worden und wurde seit 1964 von der NASA finanziert. Mit Gravity Probe B (GP-B) sollten zwei andere Aussagen der Allgemeinen Relativitätstheorie überprüft werden. Einstein hatte vorhergesagt, daß eine Masse im Raum die lokale Raumzeit verformt („gekrümmte Raumzeit”). Der Lense-Thirring-Effekt hingegen, den zwei Kollegen Einsteins formuliert hatten, sagte voraus, daß die Rotation einer Masse im Raum die lokale Raumzeit mitreißt und sich diese dadurch „verdrillt”. Um den experimentellen Nachweis dieser Effekte anzutretetn, entwickelten die Wissenschaftler extrem präzise kryogen gekühlte Gyroskope. Die Gravity Probe sollte nun exakt auf einen Stern ausgerichtet werden, während man die allmähliche Auslenkung der Gyroskope beobachtete. Vorausgesagt wurde eine Neigung der Kreiselachse um 6,606 Bogensekunden (0,0018°) pro Jahr aufgrund der Raumzeit-Krümmung. Nur ein Bruchteil (0,039 Bogensekunden bzw. 0,000011°) dieser ohnehin winzigen Abweichung wurde dagegen vom Lense-Thirring-Effekt erwartet. Nicht nur die Instrumentierung der Gravity Probe B mußte höchsten Standards genügen. Auch der Start mußte auf die Sekunde genau zur berechneten Zeit erfolgen und die Bahn mit höchster Präzision erreicht werden. Der Auftakt der Mission, der Start der Delta 7920 am 20.04.2004 von der Vandenberg AFB, gelang nach mehrmaliger Verschiebung mit der notwendigen Exaktheit. Nachdem auch die Bahn exakt bestimmt und vermessen war, konnten im August 2004 die Messungen aufgenommen werden. Drei Jahre später wurden die ersten Ergebnisse vorgestellt. Zwar hatten unerwartet elektrostatisch bedingte Ablagerungen zu Abweichungen in den Drehparametern der Gyroskope geführt. Diese mußten nun mühsam herausgerechnet werden. Während die Mehrzahl der Wissenschaftler trotzdem in den bereinigten Meßwerten eine Bestätigung der Relativitätstheorie sah, zweifelten andere diese auch weiterhin an. Insofern änderte die 760 Mio. $ teure Mission nichts an der Spaltung der weltweiten Wissenschaftsgemeinde. Diejenigen, deren Weltbild auf Einsteins Theorien aufbaute, verfügten nun aber auch über experimentelle Daten, die dieses - nach ihrer Meinung - stützte. Weitere Zweifel sollte die Gravity Probe C ausräumen, die angesichts der damit verbundenen Herausforderungen aber wohl noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen würde.
26.04.2004
Rußlands führender Betreiber von Kommunikationssatelliten, die Russian Satellite Communications Company (RSCC) bzw. ФГУП „Космическая связь” (ГПКС) verstärkte am 26.04.2004 ihr Orbitalsegment mit einem weiteren Satelliten der Ekspress AM Baureihe. Im Jahr 2002 waren Produktion und Start von fünf dieser Satelliten in das föderale Raumfahrtprogramm aufgenommen worden. Mit der Herstellung der dringend benötigten Satelliten wurde NPO PM beauftragt, wobei die Kommunikationsnutzlast von Alcatel in Frankreich oder NEC in Japan zugeliefert werden sollte. Der zweite startbereite Satellit, Ekspress AM11, war von Alcatel mit 4 Hochleistungs Ku-Band Transpondern und 26 C-Band Transpondern unterschiedlicher Sendeleistung aufgerüstet worden. Am 26.04.2004 brachte eine
30.04.2004
Nach einem rund einwöchigen Aufenthalt an Bord der Raumstation ISS nahm der niederländische ESA Astronaut André Kuipers am 29.04.2004 Platz im Sojus TMA-3 Raumschiff, das ihn und die bisherige achte Stammbesatzung der Raumstation, Michael Foale und Alexander Kaleri, in den nächsten Stunden wieder zur Erde zurückbringen sollte. Im Vorfeld der Landung gab es einige Bedenken, da ein Leck im Helium System des Sojus Antriebs entdeckt worden war. Doch schließlich legte die Sojus am 29.04.2004 um 20:52 UTC vom „Pirs” Modul der ISS ab. Um 23:20 UTC wurde das Bremsmanöver eingeleitet und damit die letzte Phasse der Rückkehr zur Erde. Der Abstieg verlief absolut nach Plan und um 00:11 UTC am 30.11.2004 ging die Kapsel im primären Landegebiet nahe Arkalyk sicher am Fallschirm nieder. Unmittelbar darauf waren die Bergungsmannschaften zur Stelle. Während Kuipers sich lediglich 260:53 h im Weltraum aufgehalten hatte, kamen Foale und Kaleri auf jeweils 4.674:34 h. Doch auch sie waren in vergleichsweise guter Verfassung.



Raumfahrtchronik