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Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus sechs Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2018-12-11T11:20:41+01:00

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Zeichen eines Umdenkens bei US Politikern und Militärs war der Kontrakt AF04(645)-4, den die USAF am 14.01.1955 mit dem Flugzeughersteller Convair abgeschlossen hatte. Inhalt: Entwicklung und Bau der SM-​65 „Atlas“, der ersten amerikanischen Interkontinentalrakete.
Nach dem zweiten Weltkrieg fühlten sich die USA in einer komfortablen Situation. Man hatte gemeinsam mit seinen Alliierten den 2. Weltkrieg gewonnen und den eigenen Einflußbereich enorm ausgeweitet. Im Gegensatz zu den Ländern auf dem europäischen und asiatischen Kriegsschauplatz waren die Zerstörungen im eigenen Land nur marginal. Das Kriegsende brachte für die USA dennoch eine Reihe neuer Herausforderungen mit sich. Die gewaltigen Rüstungsbetriebe mußten auf neue Produkte umgestellt werden. Zehntausende Soldaten kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück, wo während der Kriegsjahre auch Frauen ihren Platz eingenommen hatten. Außenpolitisch gab es aus Sicht der Politiker gab es niemanden, der in den nächsten Jahren die Vormachtstellung der USA heraufordern konnte. Daher sah sich das Militär gewaltigen Kürzungen seines Budgets gegenüber. Den Politikern schien es vordringlicher zu sein, die drohenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme bei der Rückkehr zu einer zivilen Nachkriegsgesellschaft in Angriff zu nehmen. Die vor allem in Deutschland erbeutete Hochtechnologie wurde vorrangig im Rahmen von Forschungs– und Studienprojekten ausgewertet. Einige Entwicklungen wurden von US Konzernen in die eigene Produktion überführt. Größere Rüstungsprojekte hatten aber bis auf wenige Ausnahmen keine Chance auf Realisierung.
mx-774So ereilte auch das MX-​774 „Hiroc“ Projekt sein Schicksal. Am 31.10.1945 hatte das U.S. Army Air Technical Service Command einen Anforderungskatalog an namhafte Unternehmen der Flugzeugindustrie verschickt. Sie wurden aufgefordert, Vorschläge für ein auf 10 Jahre angelegtes Forschungs– und Entwicklungsprogramm für Raketen in vier unterschiedlichen Kategorien einzureichen. Die geforderten Reichweiten lagen dabei zwischen 20 und 5.000 Meilen. Am 10.01.1946 wurde die Convair Corporation aufgefordert, konkretere Studien für eine Rakete mit 5.000 Meilen Reichweite vorzulegen. Dort untersuchte man zwei verschiedene Konzepte zur Umsetzung der Vorgaben. Einen unterschallschnellen Marschflugkörper und eine ballistische Rakete. Mit zunächst 1,4 Mio. $ finanzierte die U.S. Army im April 1946 für ein Jahr die Studien. Obwohl Convair mit seinen Studien eigentlich nur Daten liefern sollte, die den United States Army Air Forces als Planungsgrundlage für eine Langstreckenrakete dienen konnten, zeigte sich schon bald, daß man dieses Ziel besser erreichen konnte, wenn man einen Testflugkörper bauen würde. Die USAAF genehmigte diesen Vorschlag unter der Voraussetzung, daß Convair die bewilligten 10 Raketen aus den bereits bereitgestellten Mitteln finanzieren würde. Und so arbeitet Convair 1946 an drei Projekten: Project A „Teetotaller“, einem unterschallschnellen Marschflugkörper, dessen Entwicklung aber bereits Ende 1946 als wenig erfolgversprechend aufgegeben wurde; Project B „Old Fashioned“, einer experimentellen ballistischen Rakete mit Anleihen beim deutschen Aggregat-​4; Project C „Manhattan“, einer ballistische Rakete mit interkontinentaler Reichweite. Der Entwurf für letztere war klar jenseits der technischen Möglichkeiten jener Zeit. Doch MX-​774, aus Project B hervorgegangen, versprach als Technologieträger wertvolle Erkenntnisse für das Langzeitziel, die Entwicklung einer Interkontinentalrakete, zu liefern. Die Entwicklung der Rakete schritt unter Leitung des jungen Ingenieurs Karel J. Bossart erstaunlich rasch voran. Obwohl die USA bereits am 16.04.1946 die erste von zahllosen erbeuteten deutschen A-​4 (V-​2) Raketen gestartet hatten, war die MX-​774 doch ein eigenständiger Entwurf. Convair hatte natürlich jede Gelegenheit genutzt, sich mit den Konstruktionszeichnungen und der erbeuteten Hardware vertraut zu machen. Doch die Entwicklung der MX-​774 schritt schneller voran, als man diese Informationen auswerten konnte. Das Design, das Bossart vorschlug, war in vieler Hinsicht revolutionär und überwand gleich mehrere Defizite des Aggregat-​4. Bossart entwarf eine Rakete mit einer extrem leichtgewichtigen Zelle, vier einzeln kardanisch aufgehängten Triebwerken und moderner Steuerungstechnik. Ein schwenkbares Triebwerk zur Steuerung war den bisherigen Graphit-​Strahlrudern weit überlegen. Diese kosteten rund 17% des Triebwerksschubs. Bossart machte aus der Not, daß man über kein ausreichend leistungsfähiges Triebwerk verfügte, eine Tugend. Er griff auf das gerade von der Reaction Motors Inc. für das Bell X-​1 Raketenflugzeug entwickelte XLR11-​RM-​5 Vierkammertriebwerk zurück. Die vier Brennkammern wurden nun um eine Achse schwenkbar ausgelegt, was die Kontrolle der Rakete um alle drei Achsen ermöglichte. Aerodynamische Flächen am Heck zur Stabilisierung wurden als Unterstützung vom A-​4 Design übernommen. Der Kopfblock, der einmal einem Sprengkopf weichen sollte, war zur Abtrennung vorgesehen. Und die Zelle, bei der die Treibstofftanks zugleich die tragende Struktur bildeten, aber so dünnwandig ausgelegt waren, daß sie nur dank einer Druckbeaufschlagung ihre Form behielten, war ein Quantensprung gegenüber allen bisherigen Entwürfen. Dementsprechend skeptisch war die USAAF, bewilligte aber dennoch im Juni 1946 weitere 493.000 $ für das Projekt. Im Monat zuvor hatte RMI mit den Arbeiten an dem verbesserten Triebwerk begonnen, das die RTV-​A-​2 „Hiroc“ (High altitude Rocket) antreiben sollte. Doch noch bevor die erste Rakete fertiggestellt oder das auf Turbopumpenbetrieb umgestellte XLR35-​RM-​1 Vierkammer-​Triebwerk auf dem Prüfstand gelaufen war, wurde am 01.07.1947 die Einstellung des Programms verfügt. Convair erhielt immerhin die Erlaubnis, mit den bereits zugewiesenen Finanzmitteln, drei Raketen fertigzustellen und zu erproben. Im Oktober 1947 wurde die erste ausgeliefert. Am 14.11.1947 wurde auf dem Convair Testgelände von Point Loma der erste Triebwerkstestlauf mit der kompletten Rakete unternommen. Der erste „heiße“ Testlauf fand am 20.11.1947 statt und endete mit einer Triebwerksexplosion. Doch weitere Tests folgten. Bis zum Mai 1948 war das Triebwerk schließlich flugqualifiziert. Auf der White Sands Missile Range in Neu Mexiko war unterdessen ein V-​2 Startkomplex für die MX-​774 modifiziert worden. Am 26.05.1948 unternahm man dort erneut einen statischen Testlauf, weitere folgten. Schließlich hob die Rakete am 13.07.1948 zu ihrem Jungfernflug ab. Nach 13 s fiel das Triebwerk aus und die Rakete stürzte aus 1.900 m Höhe ab. Auch die zweite Rakete erreicht am 27.09.1948 nicht annähernd die projektierte Höhe. Diesmal fiel in 15.200 m Höhe das Triebwerk aus. Die Rakete stieg noch auf knapp 50 km Höhe, bevor sie zur Erde zurückstürzte. Beim dritten und letzten Startversuch am 02.12.1948 arbeitete das Triebwerk 51 s statt geplanter 71 s. Die Rakete stürzte aus 48 km Höhe zur Erde. Bei allen Starts hatte der Fallschirm versagt, doch die Kamera, die verschiedene Flugparameter überwachte, überlebte jeweils den Aufprall. Verschiedene Anomalien konnten derart identifiziert werden, vor allem waren wohl Ventilprobleme aufgrund starker Vibrationen ursächlich. Obwohl der große Erfolg ausgeblieben war, waren die Ergebnisse des Erprobungsprogramms ermutigend. Bis 1950 wertete Convair daher die Erkenntnisse aus dem MX-​774 Programm aus und betrieb mit eigenen Mitteln (3 Mio. $) eine bescheidene Fortsetzung. Die USAF hingegen hatte vorerst ihr Interesse an einer Interkontinentalrakete verloren. Technisch schien die Umsetzung noch viel zu schwierig. Und schließlich verfügte man ja noch über eine gewaltige Flotte von Langstreckenbombern, die jederzeit mit Atombomben einen verheerenden Luftschlag führen konnten. Das Bild begann sich zu ändern, als die Sowjetunion am 29.08.1949 ihre erste eigene Atombombe zündete. Außerdem sickerten Details der sowjetischen Langstreckenraketen-​Entwicklung durch. Zu einer kompletten Neubewertung der Situation gelangten die USA aber erst, als im Juni 1950 der Koreakrieg ausbrach und sich die beiden Machtblöcke erstmals offen bewaffnet gegeüberstanden.

Im Januar 1951 erhielt Convair vom Air Research and Development Command einen neuen, zunächst auf 6 Monate befristeten Studienauftrag im Wert von 1,5 Mio. $. Die Zeit schien nun endgültig reif für eine ballistische Rakete von interkontinentaler Reichweite, auch wenn man die Entwicklung noch immer als eher langfristiges Unternehmen ansah. Convair belebte daraufhin sein Project C „Manhattan“ aus dem Jahr 1947 wieder. Damals war ein Triebwerk mit dem erforderlichen Schub noch Zukunftsmusik. Inzwischen hatte North American mit dem XLR43-​NA-​1 ein „75.000 lb“ (333 kN) Triebwerk entwickelt, dessen Serienversion NAA75-​110 später die MRBM „Redstone“ antrieb. Am 02.03.1950 erreichte das XLR43-​NA-​1 auf dem Teststand erstmals den vollen Schub. Für die XSM-​64 „Navaho“ war die Steigerung auf 120.000 lb. (534 kN) Schub geplant. Wieder unter Leitung von „Charlie“ Bossart nahm Convair die Entwicklung des MX-​1593 „Atlas“ Projekts in Angriff. Ein ausreichend leistungsfähiger Antrieb war nun verfügbar. Zudem wollte Bossart seine inzwischen weiter verfeinerten Konzepte aus dem MX-​774 Programm in die Entwicklung einbringen. Waren die Treibstofftanks 1947 bereits als tragende Strukturen ausgeführt worden, verringerte man nun die Wandstärke noch weiter. Soweit, daß die Rakete im unbetankten Zustand nur mit Druckgas vor dem Kollabieren bewahrt werden konnte. Der Gewichtsoptimierung diente auch das zwischenzeitlich ausgearbeitete 1½-​stufige Konzept. Zudem umging man mit ihm elegant die Probleme der konventionellen Stufentrennung. Die Idee war, beim Start ein ganzes Bündel von Triebwerken zu zünden, von denen eines oder mehrere länger als die äußeren brennen sollte. Die an der Peripherie angeordneten abwerfbaren „Booster“ Triebwerke wurden von der Treibstoffzufuhr abgeriegelt und abgeworfen. mx-1593_aftDas zentrale „Sustainer“ Triebwerk, das für den Einsatz im Vakuum optimiert war, arbeitete unterdessen weiter. Zur Erprobung des Konzepts schlug Convair die XSM-​16A (X-​11) vor, bei der das Stufenkonzept noch nicht umgesetzt werden sollte. Als Antrieb wurden lediglich die beiden Boostertriebwerke montiert. Nachdem mit dieser Rakete die grundlegenden Prinzipien erprobt waren, sollte mit der X-​12 auch das Stufenkonzept getestet werden. Zu Beginn der Entwicklung im Januar 1951 lagen praktisch keine handfesten Informationen zum Gewicht des Sprengkopfs vor, den die Rakete einmal befördern sollte. Gefordert wurde aber nun eine Reichweite von 5.000 Seemeilen (9.260 km). Bossarts Team nahm in Übereinstimmung mit den vorliegenden Daten ein Sprengkopfgewicht von 3.600 kg an. Um die geforderten Kennwerte zu erreichen, mußten sieben Triebwerke verbaut werden. Dies und das notwendige Tankvolumen ließen auf dem Reißbrett ein wahres Monstrum von 3,8 m Durchmesser und über 42 m Länge entstehen. Glücklicherweise (für das Convair Team) machten die USA zu dieser Zeit rasche Fortschritte bei der Miniaturisierung der Sprengköpfe. Eine externe Expertenkommission unter Leitung von Dr. Clark B. Millikan empfahl die Reduzierung der Anforderungen auf einen 3.000 lb. (1.360 kg) Sprengkopf. Und so sah ein Entwurf vom April 1953 bereits eine Reduzierung auf fünf Triebwerke vor. Diese 200 Tonnen schwere „Atlas“ sollte in der Lage sein, den verkleinerten Sprengkopf über mehr als 10.000 km mit einem Streukreisradius von nicht mehr als 1.600 m zu transportieren. Als Ende 1954 der Entwurf eingefroren wurde, ging Convair davon aus, dieses Ziel sogar mit nur drei Triebwerken erreichen zu können. mx-1593_3eng Die Abmessungen waren nochmals signifikant geschrumpft: 3,05 m Durchmesser, knapp 23 m Länge und ein Startgewicht von etwa 109 Tonnen. Diesen Entwurf bestätigte die USAF am 14.01.1955. Der Atomtest „Castle Bravo“ vom 28.02.1954 hatte da bereits Wege zur Miniaturisierung zukünftiger Fusionssprengköpfe aufgezeigt und die Eckdaten des „Atlas“ Designs bestätigt. Im Oktober 1955 stellte Convair das Modell der nun XSM-​65A genannten einstufigen Testrakete den Vertretern der USAF vor. Bis zum Mai 1956 war das Design abgeschlossen und schon im Dezember später fand der erste statische Testlauf der Rakete statt. Zu diesem Zeitpunkt plante man den Erstflug für den April 1957. Immerhin konnte der Termin fast gehalten werden. Am 11.06.1957 hob die erste Atlas-​A von Cape Canaveral ab. Die Rakete erreichte lediglich 2 km Höhe. atlas-4a_explosion Auch der nächste Start war nicht erfolgreicher. Doch am 17.12.1957 erreichte erstmals eine Atlas-​A die projektierte Gipfelhöhe von 120 km. Bis zum 03.06.1958 wechselten sich in der Erprobung Erfolge mit Fehlschlägen ab. Im Laufe des Testprogramms konnte der Triebwerkshersteller Rocketdyne den Schub der Booster-​Triebwerke von je 600 kN auf 667 kN stiegern. Auch die maximale Treibstoffzuladung und die Masse des Ballasts in der nicht abtrennbaren Raketenspitze wuchsen. Im Mai 1956 hatte Convair das Modell der nächsten Entwicklungsstufe, die XSM-​65B Atlas-​B (X-​12) präsentiert. Bei diesem war nun auch das dritte, zentrale Sustainer-​Triebwerk von 268 kN Schub montiert. Die Booster-​Triebwerke wurden mit der sich zum Heck konisch aufweitenden Antriebssektion nach Brennschluß abgeworfen, während das Marschtriebwerk weiter arbeitete. Ebenfalls erstmals abwerfbar war nun der Nasenkonus. Prinzipiell wurde mit der Atlas-​B bereits die erste experimentelle ICBM erprobt. Demenstprechend verschärfte man auch die Geheimhaltung um das Testprogramm. Der erste Start der XSM-​65B Atlas-​B am 19.07.1958, sechs Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan, endete mit einem Fehlstart. Hatte das MX-​1593 Programm ursprünglich mit etwa 300 Beteiligten bei Convair begonnen, wuchsen die Dimensionen nun rasch. Und das nicht nur bei Convair. North American Aviation’s Rocketdyne Division hatte in den Santa Susana Mountains nahe Canoga Park in Kalifornien bereits für das „Navaho“ Projekt einen großen Triebwerksteststand errichtet. Mit dem Beginn der Erprobung von Triebwerken auf Kerosin/​LOX Basis für die „Atlas“, „Jupiter“ und „Thor“ Raketen entstanden dort zahlreiche neue Test– und Prüfkomplexe. Vier Anlagen mit 18 großen Testständen bildeten den Kern des Areals. Hier lief nun die Erprobung des bis dahin leistungsfähigsten US Raketentriebwerks. Parallel zur Erprobung der Systeme mußte auch die Fertigung organisiert werden. Sowohl NAA als auch Convair entschieden sich zur Errichtung vollkommen neuer Fertigungsstätten. Vor allem aber wurden auch Kapazitäten benötigt, um das umfangreiche Test– und Erprobungsprogramm zu absolvieren. Nordöstlich von San Diego baute Convair im Sycamore Canyon seine zweite Anlage für statische Testläufe der kompletten „Atlas“ Rakete. Anfangs waren solche Abnahmetests in der Mojave Wüste unternommen worden. Nun kamen zwei gewaltige Prüftstände hinzu. Sie ähnelten den ersten vier Startkomplexen, deren Bau nahezu zeitgleich in Cape Canaveral begonnen worden war. In Point Loma an der Küste Kaliforniens errichtete Convair zudem einen Testkomplex zur Erprobung großer Strukturen, zum Test der Stufentrennung und zur Erprobung der Einrichtungen für die Startkomplexe. Insgesamt sechs Anlagen (sogenannte „Tower“) wurden hier ab Oktober 1954 in Betrieb genommen. Selbst die sonstigen atlas_missile_production Sub-​Auftragnehmer mußten für das „Atlas“ Programm vielfach neue Werke errichten. Aus dem 500.000 $ Studienauftrag war ein Multi-​Millionen-​Dollar Projekt geworden. Unterdessen war klar, daß die Sowjetunion unerwartet rasche Fortschritte bei der Entwicklung nuklearer Sprengköpfe gemacht hatte. Im Wettlauf um eine einsatzreife Kernfusionswaffe schien sie sogar vorn zu liegen. Außerdem deuteten Geheimdienstberichte auf bedeutende Fortschritte auf dem Gebiet der Langstreckenraketen hin. Dennoch gingen die US Experten noch Anfang 1955 davon aus, daß die Sowjetunion frühestens zwischen 1960 und 1963 mit der Erprobung einer ICBM beginnen würde. Eine rudimentäre eigene ICBM Kapazität sahen die Experten ab Mitte 1958 als gegeben an. Die sowjetischen Fortschritte erschienen dennoch vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges derart bedrohlich, daß die US Regierung Ende 1955 ein enormes Rüstungsprogramm genehmigte, das schon wenige Jahre später Dimensionen annahm, die nur mit dem „Manhatten“ Programm zur Entwicklung der ersten Atombomben vergleichbar waren. Knapp 336 Mio. $ an Finanzmitteln wurden im Haushaltsjahr 1956 für die Raketenentwicklung bereitgestellt . Damit sollten nicht nur die SM-​65 „Atlas“ und ihre Rückfalloption, die SM-​68 „Titan I“, sowie die SM-​75 „Thor“ zur Serienreife entwickelt werden. Auch ihre Produktion und Stationierung mußte mit Hochdruck organisiert werden. Bereits 1957 gab es allerdings erste Kürzungen an dem inzwischen auf 1,335 Mrd. $ (Entwurf der USAF für 1958) canoga_park explodierten Budget. Für die „Atlas“ wurde nun eine beschränkte Einsatzbereitschaft ab Oktober 1960 angestrebt, die volle Bereitschaft sollte vier Jahre später erreicht werden. Daran änderte zunächst auch die sowjetische Bekanntmachung der erfolgreichen Erprobung einer Interkontinentalrakete nichts. Doch der Start des Sputnik am 04.10.1957 änderte das Bild vollkommen. Schon am nächsten Tag wurde die Steigerung der Produktionsrate der drei wichtigsten amerikanischen Raketenprogramme autorisiert. Die ersten atomar bewaffneten „Atlas“ sollten nun ab Juli 1959 auf drei Startkomplexen bereitgehalten werden. Im November 1957 wurde sogar die Erhöhung der monatlichen Produktionsrate der drei Raketentypen von 222 (September) bzw. 444 (Oktober) auf 668 gefordert.
Auf dem Weg zur einsatzfähigen ICBM, die das Modell SM-​65D Atlas-​D repräsentierte, erfolgte 1958/59 noch eine kleine Reihe Teststarts mit der XSM-​65C Atlas-​C. Vor allem konzentrierte man sich mit diesem Modell auf die Erprobung des abtrennbaren Sprengkopfs, perfektionierte das Funkleitsystem und testete die nochmals strukturell erleichterte Tank-​/​Zellenstruktur. Trotz der weitgehend erfolgreichen Flugerprobung und zahlloser Prüfstandläufe wurde die Einführung der Atlas-​D ab Juli 1959 von einer Serie Fehlstarts überschattet. Daher verzögerte sich auch die Einsatzbereitschaft der ersten ICBM Squadron auf der Vandenberg AFB auf den 31.10.1959. atlas_icbm_vafb Drei Raketen standen hier auf ihren ungeschützten überirdischen Startkomplexen in Gefechtsbereitschaft. Später wurden wenigstens geschützte Unterstände („Coffins“) für die Raketen errichtet, wo die Raketen horizontal gelagert werden konnten. Die lange Reaktionszeit (die Raketen mußten im Alarmfall erst zeitaufwendig betankt werden) und das störanfällige Steuerungssystem, das neben den Signalen einer Inertialsteuerung auch Funkkommandos auswertete, schränkten die Einsatzmöglichkeiten der „Atlas“ als Interkontinentalrakete stark ein (erst die Atlas-​E/​F Reihe konnte unterirdisch in einem Silo gelagert und betankt werden und mußte nur zum Start an die Oberfläche gebracht werden, verfügte über ein autonomes Inertiallenksystem). Dafür interessierten sich schon bald USAF und NASA für die Rakete als Raumfahrtvehikel. Den ersten Satellitenstart unternahm allerdings noch eine Atlas-​B. Unter großer Geheimhaltung war die Rakete mit der Seriennummer 10B für diese Mission modifiziert worden. Ein kleines Team am ma-3 U.S. Army Signal Research and Development Laboratory (SRDL) in Fort Monmouth, New Jersey hatte eine leichtgewichtige Kommunikationsnutzlast entwickelt, die zusammen mit einem Batteriepack in der Atlas Zelle untergebracht werden konnte. Das Signal Communications Orbit Relay Equipment (SCORE) Experiment war in der Lage, Nachrichten einer Bodenstation zu empfangen, zwischenzuspeichern und über einer anderen Station wiederzugeben. Oder aber eine bereits vor dem Start aufgezeichnete Botschaft abzuspielen. Die um alle nicht zwingend erforderliche Ausrüstung erleichterte Rakete erreichte am 18.12.1958 komplett einen Orbit. Aus diesem strahlte das SCORE Experiment u.a. eine kurze Weihnachtsansprache des US Präsidenten Dwight D. Eisenhower aus. Ein Jahr später war die Atlas Rakete auf dem besten Weg, eine der wichtigsten Raketen für die militärische und zivile Raumfahrt zu werden. Keine andere Rakete im Inventar der US Streitkräfte war derart leistungsfähig und eignete sich dementsprechend gut zum Start von Raumsonden oder, nur wenig später, der bemannten „Mercury“ Kapseln. Bald schon wurden „Atlas“ Raketen nach den Vorgaben der Raumfahrtingenieure gebaut. Leistungsfähigere Antriebe, leichtere Untersysteme und vor allem immer neue Oberstufen bescherten ihr eine jahrzehntelange Karriere, die sich 1955 keiner ihrer Schöpfer hatte träumen lassen. Militärisch währte ihre Karriere dagegen nur kurz. Kaum waren die letzten Raketen stationiert, stand mit der LGM-​30 „Minuteman“ der Nachfolger bereit. Bis zum Oktober 1964 waren alle Atlas-​D zurückgezogen, gefolgt von den letzten Serienmodellen Atlas-​E bzw. Atlas-​F im April 1965. Rund 350 „Atlas“ Raketen aller Versionen wurden gebaut. Ein Maximum von 129 stand in den 1960er Jahren als ICBM im Dienst. Von den zurückgezogenen Raketen wurde ein Großteil eingelagert. Viele von ihnen wurden im Auftrag der USAF zu Raumfahrtträgern umgebaut und versahen bis in die 1990er Jahre zuverlässig ihren Dienst.