Obwohl es sich bei der am 28.02.2021 von Sriharikota gestarteten PSLV-DL C51 erst um das dritte Exemplar der DL Variante der indischen PSLV Rakete handelte, hatte dieses bereits eine signifikante Änderung erfahren. Da die Rakete nicht nur die Hauptnutzlast, den brasilianischen Erderkundungs– und Umweltbeobachtungssatelliten Amazônia 1 auf einen sonnensynchronen Orbit transportieren sollte, sondern auch achtzehn kleinere Satelliten auf einer bald 250 km niedrigeren Bahn, wurde das bisherige Viertstufenmodell mit seinen 1,6 Tonnen Treibstoffvorrat gegen eines mit 2,5 Tonnen ersetzt. Der Start der PSLV-DL (v.2) war die erste dedizierte kommerzielle Mission unter Regie der 2019 ins Leben gerufenen NSIL (NewSpace India Ltd.). Die Hauptnutzlast dieser Mission hatte eine lange Vorgeschichte. Unter der Projektbezeichnung SSR (Satélite de Sensoriamento Remoto) hatten diverse brasilianische Institute und Organisationen seit den 1980er Jahren an einem Erderkundungssatelliten aufbauend auf im eigenen Land entwickelter Technik gearbeitet. Die Prämisse, das Projekt ohne ausländische Beteiligung (im Gegensatz zum CBERS Programm) zu realisieren und eine fortwährende Unterfinanzierung führten dazu, daß erste konkrete Schritte zur Umsetzung erst nach der Jahrtausendwende unternommen wurden. Inzwischen hatte man sich sowohl von der Idee verabschiedet, den Satelliten mit der eigenen VLS-1 Rakete zu starten, als auch, ihn auf einer äquatorialen Bahn zu betreiben. Stattdessen wurde ein neuer Mehrzweck-Satellitenbus (Plataforma Multimissão) entworfen. Als Hauptinstrument wurde ein Advanced Wide Field Imager (AWFI) entwickelt, dessen Sensor drei Bänder im sichtbaren Spektrum sowie eines im Nah-Infrarot abdeckte. Da das Instrument für weiträumigere Untersuchungen konzipiert war, lag die Auflösung bei lediglich 60 m. Schließlich fiel die Entscheidung, mit der am britischen Rutherford Appleton Laboratory entwickelten RALCam 3 ergänzende Aufnahmen mit 12 m Auflösung zu gewinnen. Offenbar scheiterte die Integration dieser Kamera dann aber an fehlenden Finanzmitteln. Nach dem Start des Satelliten erschienen Presseberichte, wonach sich der Satellit kopfüber in der Bahn stabilisiert hätte (was ein gar nicht so seltenes und meist durchaus lösbares Problem darstellt). Das wurde später allerdings verneint. Und bereits am 03.03.2021 konnten tatsächlich auch die ersten Bilddaten in Brasilien empfangen werden. Knapp eine Stunde nach dem Aussetzen von Amazônia 1 war die PS4 Viertstufe nochmals kurz für einige Sekunden gezündet worden, knapp 50 Minuten darauf erneut. Jetzt konnten in etwa 500 km Höhe die restlichen Nutzlasten ausgesetzt werden. Dabei handelte es sich um die indischen SDSAT, JITsat, GHRCEsat, Sri Shakthi Sat und Sindhu Netra sowie SAI 1 / NanoConnect 2 und zwölf SpaceBEEs aus den USA. SDSAT oder Satish Dhawan Sat entstammte der Space Kidz India Initiative, die das naturwissenschaftlich-technische Interesse von Schülern fördern wollte. Entsprechend stand der Bildungscharakter bei der Entwicklung des 3U CubeSats im Vordergrund. Darüber hinaus waren Strahlungsmessungen, Magnetosphärenforschungen und die Demonstration von LoRa Kommunikationstechnologien geplant. JITsat, GHRCEsat und Sri Shakthi Sat waren im Rahmen des UNITYsat Programms von Ingenieurstudenten des Jeppiaar Institute of Technology (Sriperumbudur), des G. H. Raisoni College of Engineering (Nagpur) bzw. des Sri Shakti Institute of Engineering and Technology (Coimbatore) gebaut worden. Der kleine Schwarm sollte ebenfalls LoRa Kommunkationsversuche unternehmen. Im UNITYsat Programm hatten sich zudem ungewöhnliche Partner aus zwei Nationen zusammengefunden. Das serbische Komitet za Razvoj Svemirskog Programa (KRSP) / Committee for Space Programme Development (CSPD) und das indische StartUp TSC Technologies Pvt. Ltd. fungierten quasi als Paten. Ihr Bau war zudem vom Indian National Space Promotion and Authorisation Centre (IN-SPACe) unterstützt worden. Dieses hatte auch den Bau von Sindhu Netra alias RSAT gefördert, obwohl die PES University in Bengaluru den Auftrag zur Entwicklung des Satelliten im Gegenwert von 324.000 $ ohnehin auf kommerzieller Basis von der Defence Research Development Organisation (DRDO) erhalten hatte. Seine Mission wurde mit der Überwachung des zivilen und militärischen Schiffsverkehrs im Indischen Ozean, vor der Ostküste Afrikas und im Golf von Aden beschrieben. Indische Medien betonten, daß in den kommenden Jahren weitere Satelliten folgen sollten, die speziell die Bewegungen der chinesischen Marine im Auge behalten würden. Das war wohl als Antwort auf die auffallend intensiven Bemühungen des Nachbarn im Norden zu verstehen, sowohl den Aktionsradius seiner Marine spürbar auszudehnen (bis hin zur Einrichtung von Marinebasen am Horn von Afrika), als auch eine lückenlose Überwachung der Weltmeere per Satellit zu etablieren. Vorläufig konnte Indien dem wenig entgegensetzen, unternahm aber nun erste Schritte, um im Weltraum gegenzuhalten. Sindhu Netra verfügte offiziell über einen AIS Empfänger, aber auch über nicht näher spezifizierte Gerätschaften zur Überwachung „nicht-kooperativer“ Schiffe. Somit konnte der Satellit als ein erster Schritt auf dem Weg zu einem maritimen ELINT System interpretiert werden. SAI 1 / NanoConnect 2 entstammte einer Kollaboration der mexikanischen UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México) mit dem US Unternehmen Space AI Inc. Das Laboratorio de Instrumentación Espacial (LINX) am Instituto de Ciencias Nucleares (ICN) der UNAM hatten die NanoConnect 2 Mission mit dem Ziel konzipiert, eine Reihe von Lösungen für kommende anspruchsvollere Projekte zu testen. Die Space AI Inc. hatte hingegen die Gelegenheit erhalten, ein SDR auf dem Satelliten zu erproben. Die zwölf SpaceBEE Satelliten schließlich erweiterten die Konstellation des US Unternehmens Swarm Technologies zur IoT/M2 M Kommunikation.


