Am 04.10.1957 startete in vom Raketentestgelände Baikonur der erste künstliche Erdsatellit der Menschheitsgeschichte. Ein Ereignis, dessen Tragweite damals noch niemand vorhersehen konnte. Bereits in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges hatten die alliierten Siegermächte in einem geheimen Wettlauf versucht, der führenden Köpfe der deutschen Waffenentwicklung habhaft zu werden. Zu den Gebieten, auf denen Deutschland unbestritten einen enormen Vorsprung erlangt hatte, zählte die Raketentechnik. Der Wissenstransfer zahlte sich aus, bald schon verfügten speziell die USA und die Sowjetunion über beachtliche Raketenarsenale, mit denen sie sich im beginnenden Kalten Krieg bedrohten. Vor allem die Sowjetunion, die über keine große Flotte an Langstreckenbombern verfügte und der es unmöglich war, Stützpunkte in der Nähe der USA zu errichten, setzte auf die Weiterentwicklung der Raketenwaffe. Führender Kopf des Raketenprogramms war Sergej P. Koroljow, der bereits in den 1930er Jahren zur kurzen Blüte der sowjetischen Raketenentwicklung beigetragen hatte.
Wurde zunächst die deutsche V-2 analysiert und nachgebaut, setzte man doch schon bald auf eine zielstrebige Weiterentwicklung. Ab 1953 verfügte man so über eine atomwaffenfähige strategische Rakete. Gefordert wurde jedoch eine Rakete mit interkontinentaler Reichweite, mit der endlich auch die USA selbst in die Reichweite der sowjetischen Waffen kommen würden. In einer gewaltigen nationalen Kraftanstrengung gelang die Entwicklung der R-7 , der ersten Interkontinentalrakete der Welt. Aufgrund ihrer Größe und Bauform sowie der gewählten Treibstoffe taugte diese jedoch nicht wirklich als Abschreckung. Ein Einsatz wäre höchstens als Erstschlagswaffe möglich gewesen.
Während die Informationen über die Existenz der neuen sowjetischen Waffe in den USA ein Crashprogramm zur Entwicklung vergleichbarer Raketen auslösten, hoffte Koroljow in der Sowjetunion, die Rakete auch zur Verwirklichung seiner Jugendträume einsetzen zu können. Schließlich genehmigte der Erste Sekretär des ZK der KPdSU, Nikita S. Chruschtschow, Bau und Start eines Satelliten. Anläßlich des 40. Jahrestags der Oktoberrevolution schien ihm das eine geeignete Demonstration der vermeintlichen Überlegenheit des Kommunismus. Maßgabe war jedoch, daß darunter die laufende Entwicklung der R-7 als Waffe nicht leiden würde. Wider besseres Wissen versprach dies Koroljow. Denn selbst die vergleichsweise geringen Modifikationen an der Rakete stellten eine Herausforderung dar. Ganz zu schweigen von der Entwicklung einer geeigneten Nutzlast. Zumal man einen Satelliten von beeindruckender Größe mit umfangreicher Instrumentierung projektierte. Erst als Ende 1956 klar wurde, daß das „Objekt D“ keinesfalls bis zum Spätsommer 1957 fertiggestellt sein würde, ging man zu einem Alternativplan über. Nun sollte wenigstens ein einfacher Satellit ohne Instrumentierung gestartet werden.
Von all dem ahnte man in den USA nichts. Zwar hatte man auch dort die Bekanntmachung führender sowjetischer Wissenschaftler registriert, daß für das Internationale Geophysikalische Jahr der Start eines Forschungssatelliten geplant sei. Doch selbstverständlich würde das eigene Satellitenprojekt Vanguard dem zuvorkommen. Schließlich waren die USA der Sowjetunion technologisch weit voraus. Grund zur Eile bestand nicht. Der erste Satellit würde unzweifelhaft ein vielbeachtetes Signal für die Überlegenheit der „Freien Welt“ sein. Unterdessen arbeitete man in der kasachischen Steppe verbissen an der Einhaltung der Fristen zum Start des ersten „Sputnik“. Am 04.10.1957 hob die Rakete mit dem kleinen Satelliten schließlich von Tjuratam, wie Baikonur eigentlich hieß, ab. Obwohl die Rakete, wie bei den meisten anderen vorangegangenen Testflügen nicht perfekt funktionierte, erreichte der Sputnik eine Erdumlaufbahn. Als die stabile Bahn bestätigt war, veröffentlichte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS ein entsprechendes Kommunique. Doch während die wichtigste sowjetische Tageszeitung „Prawda“ dem Ereignis auf der ersten Seite nur einen kleinen Artikel widmete, schlug die Nachricht in den USA und Westeuropa wie eine Bombe ein. Wochenschauen, Rundfunksendungen und Zeitschriften berichteten ausführlich, obwohl naturgemäß nur wenige Informationen verfügbar waren.
In aller Welt versammelten sich Menschen unter freiem Himmel, um mit Teleskopen und Ferngläsern Ausschau nach dem Satelliten zu halten. Amateurfunker rund um den Globus empfingen die Telemetrie des Satelliten und verfolgten seinen Flug. Die Menschen spürten, daß sie Zeugen eines Jahrhundertereignisses geworden waren. Doch in den Jubel mischte sich zunehmend auch die Angst vor den sowjetischen Raketen. Zwar hatten amerikanische Militärs verlauten lassen, daß es keine große Leistung sei, „ein Stück Eisen“ in den Orbit zu schießen. Doch war klar, daß die Sputnik Rakete auch in der Lage war, eine Atombombe an jeden Ort der Erde zu befördern. Und sie konnte dies praktisch ohne Vorwarnung tun! Als daher im Dezember 1957 die USA den ersten Versuch unternahmen, einen eigenen Satelliten zu starten, war das vor allem psychologisch bedeutsam. Offenbar war es doch nicht so trivial, einen Satelliten zu starten. Vor allem die amerikanische Öffentlichkeit stand unter dem Eindruck des „Sputnik Schocks“. Und die Sowjetunion setzte nach. Nur vier Wochen nach dem Start des ersten Sputnik folgte ein weiterer Satellit. Und diesmal befand sich bereits ein Hund an Bord! Wenn es in diesem Tempo weiterging, würden bald die ersten Menschen unterwegs zu unseren Nachbarplaneten sein. Und es würden wohl Russen sein! Die USA reagierten auf diese Herausforderung damit, ihre Raketenentwicklung zu beschleunigen und mit der NASA eine neue Institution zu schaffen, die das Raumfahrtprogramm fortan leiten sollte. Vor allem aber erhielt Wernher von Braun die Gelegenheit, das bereits weit fortgeschrittene Satellitenprojekt der US Army umzusetzen. Die USA hatten die Herausforderung um den „Wettlauf ins All“ angenommen.
