Unter dem Eindruck der sowjetischen Erfolge in der Raumfahrt setzte sich im Umfeld des US Präsidenten Dwight D. Eisenhower die Auffassung durch, daß nur eine neue zentrale Behörde in der Lage wäre, ein nationales Raumfahrtprogramm zu koordinieren, daß dem sowjetischen Paroli bieten konnte. Diese Idee wurde auch von einer Reihe namhafter Wissenschaftler nach Kräften unterstützt.
Die US Streitkräfte standen dem Projekt hingegen ziemlich ablehnend gegenüber. Schließlich begann sich gerade abzuzeichnen, daß Raketen in Verbindung mit Atomsprengköpfen die Waffe des 20. Jahrhunderts werden würden. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg hatte man sich militärisch gegenüber der Sowjetunion lange in einer weit überlegenen Position gewähnt, selbst als diese innerhalb weniger Jahre das Atomwaffenmonopol brach. Schließlich verfügte man im Gegensatz zur Sowjetunion über ein dichtes Netz an Stützpunkten und eine Flotte von Langstreckenbombern. Die internierten deutschen Raketentechniker blieben weitgehend beschäftigungslos. Sie wurden befragt und halfen dabei, daß zunächst mit geringer Priorität laufende amerikanische Lenkwaffenprogramm aufzubauen. Anfang der 1950er Jahre änderte sich aber die Situation. Geheimdienstinformationen zeigten, daß die Sowjetunion sich seit Kriegsende intensiv der Raketenentwicklung gewidmet hatte und ein Niveau erreicht hatte, daß es ihr ermöglichte, Westeuropa mit Langstreckenraketen anzugreifen. Offensichtlich gab es zudem Bemühungen, Langstreckenbomber zu entwickeln, die auch die USA angreifen konnten. Im Koreakrieg kämpften amerikanische Piloten dann erstmals gegen moderne sowjetische Jagdflugzeuge und mußten erkennen, daß diese mindestens ebenbürtige Gegner waren. Nun entsann man sich wieder der Experten um Wernher von Braun. Auch wenn es insbesondere innerhalb der USAF Widerstände gab („dumme“ Raketen paßten nicht zum Bild des heroisch kämpfenden Piloten), forcierten nun US Army, US Navy und USAF eigene, teils konkurrierende, Raketenprogramme. Bis Mitte der 1950er Jahre waren die Grenzen der Programme aber schließlich ziemlich klar abgesteckt. Und viele Projekte hatten die höchste Priorität erhalten, auch unter dem Eindruck, daß die Sowjetunion 1954 ihre erste Wasserstoffbombe gezündet und sowohl erste Mittelstreckenraketen stationiert als auch moderne Langstreckenbomber vorgeführt hatte.
Als die USA 1955 den Start eines kleinen Forschungssatelliten im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahrs (1957/58) ankündigten, sahen die Generäle die Umsetzung daher als ihre natürliche Aufgabe an.
Doch das US National Committee for IGY favorisierte eine zivile Lösung, wobei auf eine Mitarbeit des Militärs, in diesem Fall der US Navy, nicht verzichtet werden konnte. Das „Vanguard“ Projekt war wissenschaftlich sehr ambitioniert und getragen von wahrem Forschergeist. Dementsprechend entwickelte man einen Forschungssatelliten und eine Rakete, die modernste technische Lösungen in sich vereinten. Doch als die Sowjetunion am 04.10.1957 mit „Sputnik“ den ersten künstlichen Erdsatelliten startete, mußte man erkennen, daß man einen Irrweg beschritten hatte. Die Entwicklung hatte sich als weitaus komplexer erwiesen, als man erwartet hatte. Und die Rakete, die man nun erhalten hatte, bot keine Möglichkeiten zur Leistungssteigerung. Stattdessen schockte die Sowjetunion die Experten im November 1957 mit dem Start eines zweiten Sputnik, der über 500 kg wog und erstmals ein Lebewesen ins All beförderte. Dem mußte man um jeden Preis eigene Erfolge entgegensetzen. Das Ansehen der USA als Weltmacht geriet in Gefahr. Und so erhielt die US Army, die praktisch einen fertigen Raumfahrtträger schon erfolgreich erprobt hatte, den Auftrag, die nationale Ehre wiederherzustellen. Das Ergebnis war der Start von Explorer I am 01.02.1958. Die US Navy folgte wenig später mit dem „zivilen“ Vanguard Satelliten. Dem wollte nun auch die USAF nicht nachstehen. Den Politikern und Militärs wurde klar, daß diese stürmische Entwicklung neuer Strukturen bedurfte. In dieser Situation forderte US Präsident Eisenhower am 07.01.1958 die Freigabe von zunächst 520 Mio. $ für ein nationales Forschungsprogramm, das insgesamt mit 2 Mrd. $ finanziert werden sollte. Einen Monat später wurde mit Befehl 5105.15 des US Verteidigungsministeriums die Advanced Research Projects Agency (ARPA) gegründet, die helfen sollte, in der Forschung wieder zur Sowjetunion aufzuschließen. Der Bedarf für eine solche Forschungsagentur war Experten schon seit längerem klar, doch jetzt konnte James R. Killian, Präsident des Massachusetts Institute of Technology (MIT) seine Lobbyarbeit für eine solche Institution zu einem erfolgreichen Abschluß bringen. Killian war als Leiter des President’s Science Advisory Committee in einer sehr einflußreichen Position. Zusammen mit den anderen Mitgliedern des PSAC entwickelte er die Strategien und Strukturen, die zur Gründung der National Aeronautics and Space Administration führten. Am 29.07.1958 unterzeichnete Präsident Eisenhower den „National Aeronautics and Space Act“, der die rechtlichen Grundlagen für die Schaffung der NASA beinhaltete. Die ARPA koordinierte weiterhin u.a. einen Großteil der militärischen Raumfahrtprojekte, während das NASA Programm eine zivile Ausrichtung erhielt. Raumfahrt im allgemeinen wurde Sache der NASA. Die strukturelle Basis der NASA bildeten die Einrichtungen des NACA, des National Advisory Committee for Aeronautics, die sich bereits seit 1915 mit der
Grundlagenforschung für die Luftfahrt beschäftigt hatten. In den 1940er Jahren kamen Forschungen zum Überschallflug und zur Raketentechnologie hinzu. Den Herausforderungen des beginnenden Raumfahrtzeitalters stellte sich NACA Direktor Hugh L. Dryden mit der Einsetzung des Special Committee on Space Technology am 21.11.1957. Dieses nach seinem Vorsitzenden auch „Stever Committee“ genannte Gremium koordinierte die Forschungs– und Entwicklungsaktivitäten des NACA mit denen der Universitäten, Regierungsorganisationen und Privatunternehmen. Am 14.01.1958 veröffentliche Dryden sein „National Research Program for Space Technology“. Und am 05.03.1958 schrieb Killian ein Memorandum mit dem Titel „Organization for Civil Space Programs“ an Präsident Eisenhower. Damit waren die Grundzüge für die Gründung einer leistungsfähigen Bundesbehörde abgesteckt. Wenige Tage nach Killians Memo äußerte Eisenhower zudem, daß sich seiner Meinung nach die Army Ballistic Missile Agency dem Weltraumprogramm widmen und zu diesem Zweck aus den bisherigen Strukturen herausgelöst und der ARPA oder gar der NASA unterstellt werden sollte. Die ABMA war zu dieser Zeit eine von zwei militärischen Organisationen, die die Raketenentwicklung der Streitkräfte koordinierte (die andere war die Ballistic Missile Division der USAF).
Letztere war inzwischen für den Großteil der ballistischen Raketenprogramme verantwortlich und konnte keinesfalls Kompetenzen oder Kapazitäten an die zivile NASA abgeben. Etwas anders war die Lage bei der ABMA. Hier arbeitete u.a. von Braun an der Entwicklung sehr großer Raketen. Das US Verteidigungsministerium war unsicher, ob ein (militärischer) Bedarf für solche gewaltigen Raketen bestand. Dem designierten NASA Administrator T. Keith Glennan war hingegen klar, daß ohne ein Entwicklungsprogramm für neue leistungsfähige Trägerraketen ein ziviles Raumfahrtprogramm zum Scheitern verurteilt sein mußte. Er begab sich auf die Suche nach DoD Einrichtungen, die ihm bei der Lösung dieses Problems behilflich sein konnten. In der ABMA fand er eine Organisation, die ihm die gewünschten Kapazitäten stellen konnte. Doch schien es undenkbar, eine militärische Einrichtung einer zivilen Behörde zu unterstellen.
Dabei hatte General John B. Medaris seit der USAF die alleinige Verantwortung für die Entwicklung der Interkontinentalraketen übertragen worden war, praktisch keine Chance mehr, mit seinen Raketen Lorbeeren für die US Army zu ernten. Andererseits waren die laufenden Raketenprogramme der US Army zu 85% von der Arbeit der ABMA und des Jet Propulsion Laboratory abhängig. Entsprechend heftig fielen die Reaktionen der Militärs aus, nachdem Glennan am 15.10.1958 mit seinem Ansinnen bei Verteidigungsminister Neil H. McElroy vorstellig geworden war. Die NASA, die gerade zwei Wochen zuvor, am 01.10.1958, mit 7.500 ehemaligen NACA Angestellten ihre Arbeit aufgenommen hatte, befand sich in ihrer ersten schweren Krise. Doch Glennan schreckte nicht davor zurück, die Verantwortung für die nächste große Herausforderung anzunehmen. Bereits im September 1958 hatte er mit der ARPA eine Kooperation bei dem Projekt „Man-in-Space“ vereinbart. Präsident Eisenhower, der das Projekt förderte, unterstützte die Idee, den bemannten Raumflug zu einem zivilen Projekt zu machen. Und so erhielt die NASA schließlich die führende Rolle im „Mercury“ Programm. Auch hinsichtlich der Kapazitäten für die Entwicklung eigener Trägerraketen errang Glennan einen Sieg. Zunächst war als
Kompromiß vereinbart worden, das Jet Propulsion Laboratory der NASA zu unterstellen und auf Anforderung Kapazitäten der ABMA verfügbar zu machen. Diese Vereinbarung sollte nach einem Jahr nochmals einer Prüfung unterzogen werden. Doch im Jahr 1959 änderte sich die Ausgangslage. Das Verteidigungsministerium informierte die US Army, daß man keinen Bedarf für die Großraketen sah, die von Braun bei der ABMA zu dieser Zeit entwickelte. Budgetkürzungen wurden in Aussicht gestellt. Im September 1959 wurden daher Gespräche über einen Transfer eines Großteils der ABMA, namentlich der Development Operations Division unter von Braun und des „Saturn“ Entwicklungsprogramms, wieder aufgenommen. Diesmal jedoch von Seiten des Militärs. Im Dezember 1959 war die Vereinbarung ausgearbeitet und effektiv zum 14.03.1960 wurde der Großteil der ABMA in die NASA eingegliedert, wo er zur Keimzelle des Marshall Space Flight Center wurde. Rund 4.000 zivile Angestellte und Gebäude und Ausrüstungen im Wert von 100 Mio. $ gingen an die NASA über. Mit dem Zugriff auf die Technolgie für die Entwicklung moderner Großraketen verfügte die NASA über eine wichtige Voraussetzung, um letztlich das 1961 verkündete „Apollo“ Mondprogramm zum Erfolg zu führen…
