Allgemein wird das Aggregat-4 , bekannt auch unter dem seinerzeitigen Propagandanamen V-2 , als Urahn aller späteren Großraketen angesehen. Und ihr erster erfolgreicher Flug am 03.10.1942 wird häufig als eines der entscheidenden Ereignisse in der Geschichte der Raumfahrt bezeichnet. Viel zu dieser Sichtweise hat ganz sicher Wernher von Braun beigetragen, der in seinen Erinnerungen stets sein Ziel betonte, eine Rakete für die Raumfahrt zu entwickeln. Seine persönlichen Beweggründe und die seiner Mitstreiter werden sicherlich noch Jahrzehnte Stoff für die Untersuchung durch Wissenschaftler aus aller Welt bieten. Ganz klar hatte von Braun schon früh die Nähe zum Militär gesucht, welches ihm Ende der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre am ehesten die finanziellen Mittel zur Realisierung seiner Ideen bieten konnte. Später suchte er die Nähe zu den einflußreichsten Kreisen Nazideutschlands, was ihm eine Mitgliedschaft in der NSDAP und in der SS einbrachte, die er möglichst gewinnbringend einzusetzen gedachte, ohne sich allzusehr mit den Ideen des Regimes zu identifizieren. Für seinen Jugendtraum vom Flug in den Weltraum war er bereit, diesen Preis zu zahlen. Damit unterschied er sich nur wenig von den anderen bewunderten Größen der Raketen– und Raumfahrtentwicklung seiner Zeit. Auch ein Sergej P. Koroljow, der um ein Haar die Strafarbeit in den Gulags der Sowjetunion nicht überlebt hätte, arbeitete nach Kriegsende 1945 begeistert daran, dem Diktator Josef W. Stalin eine neue Superwaffe in die Hände zu geben. Und selbst Robert H. Goddard, der Zeit seines Lebens eine gewisse Distanz zum Militär gehalten hatte, unternahm in den 1930er Jahren den Versuch, die US Army für seine Experimente zu interessieren. Dort erkannte man allerdings den Wert seiner Arbeiten nicht. Und für Raketen als Ferngeschosse sah man keinen Bedarf. Dennoch wurde auch Goddard in kleinem Rahmen und eher indirekt vom Militär gefördert.
Trotz einer unvergleichlich besseren finanziellen Ausstattung war es auch für von Braun ein weiter Weg von den ersten Prüfläufen und Raketenabschüssen auf dem Gelände der Raketenversuchsstelle „Kummersdorf-West“ bis hin zu jenem 03.10.1942, an dem erstmals ein von Menschen geschaffenes Objekt bis in Reichweite des Weltraums gelangte. Und anfangs sah es gar nicht nach einer Erfolgsgeschichte aus. Die Gruppe der weltraumbegeisterten Amateure unter Rudolf Nebel und Klaus Riedel, die seit 1930 auf dem „Raketenflugplatz Berlin“ in Tegel experimentiert hatte und zu der auch der junge von Braun gestoßen war, erhielt im Juni 1932 die Gelegenheit, ihr neuestes Modell, die MIRAK 3 (Minimum-Rakete) dem Heereswaffenamt vorzuführen. Ausgelobt war eine Prämie in Höhe von 1.360 Reichsmark für einen Flug auf 3.000 m Höhe. Die enttäuschten Militärs wurden jedoch Zeuge, wie die Rakete aus nur 1.100 bis 1.200 m Höhe zurückstürzte (andere zeitgenössische Quellen sprechen gar davon, daß die Rakete schon in 60 m Höhe plötzlich abkippte und danach praktisch waagerecht weiterflog). Und verweigerten die Auszahlung der Prämie. Begeistert von der technischen Ausstattung des Schießplatzes in Kummersdorf setzte von Braun jedoch alles daran, in den Dienst des Heereswaffenamtes zu treten. In der von ständigem Mangel geprägten Arbeit in Reinickendorf (Tegel) sah er keine Zukunft mehr. Und tatsächlich bewilligte das Heereswaffenamt 5.000 Reichsmark für weitere Versuche und berief den damaligen Hauptmann Walter Dornberger zum Kommandanten des Testgeländes. Zum 01.10.1932 hatte von Braun einen neuen Arbeitgeber.
Einige Weggefährten von Brauns verweigerten sich einer Zusammenarbeit mit dem Militär oder wurden von diesem abgelehnt. Anfangs hatte von Braun lediglich einen Mitarbeiter, Heinrich Grünow, einen Schlosser. Bald schon aber versammelten sich in Kummersdorf fast alle namhaften — damals aber natürlich noch weitgehend unbekannten — Raketenexperten Deutschlands. Unter ihnen Klaus Riedel, Kurt Heinisch, Walter Riedel und Arthur Rudolph. Angelockt wurden sie von der Aussicht auf Finanzmittel in Höhe von mehreren Millionen Reichsmark für die Entwicklung neuer weitreichender Raketen. Die Reichswehr sah darin die Chance, geschickt die Beschränkungen des Versailler Vertrags zu umgehen, die u.a. die Entwicklung weitreichender Artillerie verboten. Und Raketen waren ja nun einmal keine Artillerie…
Die Arbeiten von Brauns begannen einmal mehr mit einem Rückschlag. Das nach seinen theoretischen Überlegungen gebaute Experimentaltriebwerk („Ofen“) explodierte am 21.12.1932 beim ersten Testlauf. Und die Explosion verwüstete auch noch den Prüfstand. Doch diesmal drohte das Militär nicht mit einer Streichung der Gelder. Und tatsächlich überzeugte das Triebwerk bei seinem nächsten Prüflauf Anfang 1933. Im folgenden Jahr machten die Raketenforscher bedeutende Fortschritte. Auf dem Prüfstand wurde das Aggregat-1 erprobt, eine 1,4 m lange Rakete, deren Triebwerk von Braun entworfen hatte und das für 16 s einen Schub von 300 kg lieferte. Ende 1934 waren zwei Exemplare des flugfähigen Nachfolgers Aggregat-2 fertiggestellt. Bedeutendste konstruktive Neuerung war der Einsatz eines Stabilisierungskreisels, der zwischen den beiden Treibstofftanks untergebracht worden war. Die auf die Namen „Max“ und „Moritz“ getauften Raketen flogen im November 1934 von der Insel Borkum aus tatsächlich auf rund 2.000 bzw. sogar 3.500 m Höhe. Sie übertrafen damit alle vergleichbaren Entwicklungen in der Sowjetunion bzw. den USA deutlich. Dieser Erfolg beförderte die gesamte Entwicklung ungemein. Die Reichswehr war nun zunehmend davon überzeugt, daß die Rakete tatsächlich als Waffe zu gebrauchen war. Auch wenn selbst das weitaus leistungsfähigere Aggregat-3 davon noch meilenweit entfernt war. Doch zunächst benötigte man einen neuen Schießlatz für die immer weitreichenderen Tests. Gefunden wurde er an der Nordspitze der Ostseeinsel Usedom, in Peenemünde. Abgelegen genug, um vor neugierigen Augen geschützt zu sein und mit freiem Schußfeld über die Ostsee. Herr und Luftwaffe ließen ab Anfang 1936 hier ein neues Versuchsgelände errichten. Und bereits im Mai übersiedelten die meisten der 90 technischen Angestellten von Kummersdorf nach Peenemünde-Ost, dem Heeresteil der Anlage. Deren technischer Direktor wurde der erst 25-jährige von Braun. 1937/38 fanden die ersten Teststarts mit dem Aggregat-3 und später dem Aggregat-5 von der Greifswalder Oie, einer kleinen vorgelagerten Insel aus, statt. Das A-3 erwies sich als konstruktiv unausgereift. Doch mit dem A-5 konnten alle wesentlichen Elemente des Aggregat-4 , der geplanten Großrakete, erfolgreich praktisch erprobt werden. Deren Triebwerk lieferte bereits einen Schub von rund 1.400 kg, was ausreichte, die etwa 900 kg schwere Rakete bis auf 12 km Höhe zu befördern. Das Heereswaffenamt forderte aber eine Rakete, die einen 1.000 kg schweren Sprengkopf über 250 km präzise ins Ziel befördern konnte. Bis dahin war es aber erkennbar noch ein weiter Weg. Berechnungen zeigten, daß das Triebwerk zur Erreichung dieser Ziele einen Schub von 25 bis 30 Tonnen leisten mußte. Und das war nur eine der vielen Herausforderungen, vor denen die Ingenieure standen. Auch mit der autonomen Steuerung der Rakete über eine derart große Distanz beschritt man Neuland. Im Herbst 1939 arbeiteten bereits rund 1.200 Ingenieure und Techniker an dem Projekt. Und es begannen sich Erfolge einzustellen. Am 21.04.1940 fand der erste erfolgreich Test des 25 Tonnen Triebwerks auf dem Prüfstand I in Peenemünde statt. Verantwortlich für dessen Entwicklung zeichnete vor allem Dr. Walter Thiel. Ihm war es zu verdanken, daß die unpraktikabel lange (2 m) Brennkammer auf nur noch 30 cm verkürzt werden konnte. In den Deckel der Brennkammer wurden 18 der bisherigen Einspritzköpfe eingesetzt. Was als Provisorium gedacht war, sollte Bestand auch für die Serienfertigung behalten.
Am 25.02.1942 stand erstmals ein komplettes für einen Erprobungsflug vorgesehenes Exemplar des Aggregat-4 auf dem Prüfstand VII in Peenemünde bereit. Bei den Vorbereitungen zu einem Probelauf des Triebwerks kam es jedoch um ein Haar zu einer Katastrophe, als die voll betankte Rakete beim Einsetzen in den Prüfstand aus ihrem „Korsett“ rutschte und 2 m tiefer auf den Beton prallte. Erhebliche Schäden im Heckbereich waren die Folge, eine Reparatur aber möglich. Am 18.03.1942 sollte dann im Beisein von Albert Speer, der erst im Februar zum „Reichsminister für Bewaffnung und Munition“ ernannt worden war, ein Triebwerkstestlauf mit der Rakete unternommen werden. Dabei kam es zu einer Explosion. Die Rakete wurde daraufhin endgültig verschrottet.
Erst am 13.06.1942 war das nächste Exemplar startbereit. Auch das zweite Versuchsmuster hatte da bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Als die Rakete zu Tests auf dem Prüfstand VII aufgestellt war, überflog ein britisches Aufklärungsflugzeug Peenemünde und kehrte mit Fotos zurück, die u.a. erstmals konkrete Informationen zum Aggregat-4 lieferten. Am 20.05.1942 fand bereits der vierte Triebwerkstestlauf mit der Rakete statt, als es zu ernsten technischen Problemen kam. Wieder waren Reparaturen nötig. Zum Start der Rakete waren erneut Speer und weitere Nazigrößen geladen. Jetzt sollte sich zeigen, ob sich die zahllosen Prüfstandläufe ausgezahlt hatten. Doch kaum hatte die Rakete abgehoben, wurden Probleme sichtbar. Ihr Aufstieg erfolgte unter starken Pendelbwegungen. Ursächlich war ein Defekt des Kreisels zur Kontrolle der Rollrate. Dennoch stieg die Rakete weiter auf und durchbrach sogar die Schallmauer. Schließlich trat abrupt nach 36 Sekunden der vorzeitige Brennschluß ein, nachdem die Treibstoffzuleitung unterbrochen worden war. Die sich über Kopf überschlagende Rakete stürzte 1,3 km vom Startplatz entfernt ins Meer.
Zwei Monate später, am 16.08.1942 erfolgte ein neuer Versuch. Diesmal löste sich beim Aufstieg eine Verkleidung, die am Boden Zugang zum Steuerungssystem der Rakete gewährte. Die gesamte Spitze der Rakete brach daraufhin ab. Auch diese Mission verfehlte ihre Ziele. Brennschluß wurde nach 45 Sekunden festgestellt. Nach 194 Sekunden schlug die Rakete 8,7 km entfernt auf dem Meer auf.
Doch der dritte Versuch am 03.10.1942 wurde geriet nahezu zu einer perfekten Demonstration. Die Rakete stieg auf 90 km und schlug nach 190 km mit nur geringer Abweichung im Zielgebiet auf. Zwar hatte ein Defekt der Programmsteuerung für einen zu steilen Aufstieg gesorgt. Aber das war ein lösbares Problem.
1943 wechselten sich erfolgreiche Abschüsse mit Fehlstarts aus unterschiedlichsten Gründen ab. Alle eingesetzten Raketen waren dabei reine Versuchsmuster, mit denen noch immer technische Lösungen experimentell erprobt wurden. Dennoch sollte schnellstmöglich die Serienproduktion aufgenommen werden. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Am 18.08.1943 flogen mehr als 600 britische Bomber Peenemünde an und warfen mehr als 10.000 Bomben auf die Fertigungs– und Produktionsanlagen, Teststände, Wohngebiete und das Arbeitslager. Trotz des großflächigen Angriffs waren die Schäden eher gering. Doch galt es über 800 Menschenleben zu beklagen, darunter viele Zwangsarbeiter, aber auch einige hochrangige Spezialisten. Der Angriff markierte eine Zäsur. Nicht nur, daß die Produktion daraufhin in die bombensicheren unterirdischen Stollen des Konzentrationslagers „Dora“ in Thüringen verlagert wurde. Auch die Weiterentwicklung des Aggregat-4 wurde praktisch eingestellt. Vorrang hatte jetzt die Serienproduktion der Rakete, der Propagandaminister Joseph Goebbels den Namen „Vergeltungswaffe 2“ verlieh.
An eine Verwirklichung ihrer Raumfahrtträume konnten von Braun und seine Kameraden aus Tegeler Zeiten nun nur noch im Geheimen denken. Verbesserungen am Design des A-4 waren nur noch unter engen Vorgaben erwünscht. So wurde weiter an einem leistungsfähigeren Triebwerk geforscht, Möglichkeiten zur Reichweitenerhöhung untersucht. Versuche gab es auch, mittels Funkleitstrahl die Zielgenauigkeit zu verbessern. Ironischerweise bot erst der Zusammenbruch Nazideutschlands den Experten die Gelegenheit, viele ihrer Ideen tatsächlich umzusetzen. Sowohl in der Sowjetunion als auch in den USA wurden begierig die Vorschläge zur Leistungssteigerung des noch aus den 1930er Jahren stammenden Designs aufgenommen. Anfangs war man in Ost und West bestrebt, möglichst rasch das deutsche Wissen und die Erfahrung aufzunehmen, um die Grundlage für eine eigene Raketenindustrie zu schaffen. Bald schon gab aber wieder das Militär die Entwicklungsrichtung vor. Gefragt waren jetzt weniger brilliante technische Lösungen als vielmehr rasch einsetzbare Waffensysteme. Während die Sowjetunion aber schon bald die deutschen Experten aus der Entwicklung konkreter Projekte abzog, beeinflußten ihre ehemaligen Kollegen in den USA nachhaltiger die dortige Raketentechnik. Verteilt auf die zahllosen Unternehmen der Luftfahrtbranche und mit von Braun in einer maßgeblichen Position zunächst bei der US Army und später bei der NASA gestalteten sie in den 1950er und 1960er Jahren aktiv die Entwicklungen in der Raketentechnik. Vielen von ihnen war es als ultimativer Triumph tatsächlich vergönnt, die Landung der ersten Menschen auf dem Mond zu erleben. In der Sowjetunion hingegen entstand aufbauend auf den deutschen Erfahrungen und beeinflußt von den bei Kriegsende angedachten Verbesserungen das Triebwerk für die legendäre Semjorka, dessen aktuelle Modifikationen noch immer als Antrieb der Sojus Standardrakete fungieren. Insofern geht ein Großteil der jüngeren Raumfahrtgeschichte, wenn auch auf verschlungenen Pfaden, tatsächlich auf die Ereignisse des Jahres 1942 in Peenemünde zurück.
