Eines der ersten Großprojekte der neugegründeten NASA war ab 1958 die Entwicklung einer Trägerrakete für leichte wissenschaftliche Nutzlasten. Die Ingenieure des Langley Research Center, das die Entwicklung verantwortete, konnten für ihr Scout Projekt auf Studien zurückgreifen, die sie
Ende 1957 schlußfolgerte die PARD Arbeitsgruppe, daß es möglich sein mußte, aus zu jener Zeit für andere Projekte entwickelten Feststofftriebwerken einen vierstufigen Satellitenträger zu entwickeln. Dennoch bestanden erhebliche Zweifel unter ihren Kollegen, ob sich wirklich so ein zuverlässiger Satellitenträger konstruieren ließ. Zu jener Zeit steckte die Entwicklung großer Feststofftriebwerke noch in den Kinderschuhen. Erst das 1956 initiierte Programm für eine U-Boot gestützte Interkontinentalrakete änderte das. Mit deren Triebwerken stieß man in eine neue Dimension vor. Für das Scout Projekt konnte die NASA auf das XM-68 Triebwerk der Aerojet General „Jupiter Senior“ zurückgreifen, das aus einem Vorläuferprogramm für die „Polaris“ und „Minuteman“ stammte. Auf diese Erststufe setzte man eine TX-33 „Sergeant“ der US Army auf. Die X-254 Drittstufe wurde aus dem X-248 Triebwerk abgeleitet, das für die Vanguard Rakete entwickelt worden war. Und als Vierstufe setzte man gleich das kaum modifizierte X-248 Triebwerk ein. Der Einsatz überwiegend bereits erprobter Komponenten schien ein guter Ansatz zu sein, um schnell und kostengünstig zu einer zuverlässigen Trägerrakete zu kommen. Vergleichsweise riskant wirkte im Vergleich dazu die Entwicklung einer Flüssigkeitsrakete. Ein warnendes Beispiel schien das Desaster mit der Vanguard Rakete, einer kompletten Neuentwicklung, deren fortschrittliche Konzeption sich anfangs als nicht beherrschbar erwiesen hatte. Andere militärische Programme hatten eine so hohe Priorität, daß keine Kapazitäten für zivile Ableitungen verfügbar waren. Für das Team aus überwiegend sehr jungen Ingenieuren, das am Scout Projekt arbeitete, schien das Feststoffkonzept daher eine gelungene Alternative. Am 01.03.1959 wurde ein Bau– und Entwicklungsauftrag für die Scout Rakete und den zugehörigen Startkomplex mit dem damals als Vought Astronautics firmierenden Unternehmen unterzeichnet. Beteiligt an dem Projekt war mittlerweile auch die USAF, die wie die NASA auf der Suche nach einer Höhenforschungs– und leichten Satellitenträgerrakete war. Unter Projektleitung des Langley Research Center entstanden bei Vought eine Serie von Prototypen der Scout Rakete, deren erster am 02.07.1960 von der Wallops Flight Facility zu einem ballistischen Flug startete. Bis dahin waren einige Hürden bei der Entwicklung des Gesamtsystems zu überwinden gewesen. So mußte eine Steuerung für die gesamte Rakete entwickelt und ein Spin-/Despin-System für die Stabilisierung der Endstufe entworfen werden. Der erste Erprobungsflug wie auch ein vorangegangener Test mit nur zwei aktiven Stufen offenbarte dann auch vielfältige kleinere Probleme. Unerwartet schlecht fiel die Bilanz der
zehn Starts im Rahmen des Phase I Erprobungsprogramms aus. Lediglich ein Satellit erreichte die Umlaufbahn. Daraufhin wurde das Projekt einer kritischen Revision unterzogen. Offenbar hatte man die Komplexität des Vorhabens unterschätzt. Der Einsatz bereits erprobter Stufen verringerte nicht zwangsläufig die Fehlerquote des Gesamtsystems. Daraufhin wurden wesentlich strengere Kriterien für die Abnahme der Systeme aufgestellt, umfassendere Vorstartkontrollen eingeführt und die Anzahl der zu überwachenden Parameter während des Countdowns erhöht. Außerdem gingen alle 27 Scout Raketen aus dem NASA Inventar zurück an Ling Temco Vought, wo sie wieder zerlegt und bis auf Baugruppenebene gründlichen Inspektionen unterzogen wurden. Steckverbinder wurden geröntgt, Lötverbindungen unter dem Mikroskop geprüft. Wesentlich mehr Wert wurde fortan auf die Sauberkeit während der Montage gelegt. Gemeinsam mit dem Hersteller verbesserte die NASA zudem das Training ihrer Ingenieure. Hatte man in Phase II (April 1962 bis November 1963) statt der angestrebten 90% Erfolgsquote lediglich 50% erreicht, schlug von den 14 Starts in Phase III lediglich noch einer fehl. Phase IV (November 1965 bis Juni 1971) kam mit 92% Zuverlässigkeit auf ein ähnliches Ergebnis. Die Starts in Phase V und Phase VI kamen sogar auf herausragende 100%. Gleichzeitig war sowohl die Nutzlastkapazität wie auch das Nutzlastvolumen auf ein Vielfaches angestiegen. Bereits seit 1964 startete die Scout zudem Forschungssatelliten anderer Nationen (Großbritannien, Italien, Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Niederlande), wobei teilweise sogar Startmannschaften der betreffenden Länder zum Einsatz kamen. Das mittlerweile ausgereifte Design der Rakete und ihre hohe Zuverlässigkeit machten sie in der internationalen Wissenschaftlergemeinde äußerst beliebt. Aber auch dem DoD stellte die NASA die Rakete für eine Reihe, meist technologischer Missionen, regelmäßig zur Verfügung. Letztmalig 1979 wurde ein neues Modell eingeführt. Zu jener Zeit erwartete man, daß das Space Shuttle bald noch kostengünstiger eine Fülle an wissenschaftlichen Nutzlasten transportieren würde, als dies die Scout konnte. Glücklicherweise beauftragte die NASA Anfang der 1980er Jahre LTV nochmals mit der Lieferung einer letzten Serie von Scout G1 Raketen. Denn während das Space Shuttle gerade die Erwartungen an den kostengünstigen Transport kleiner Forschungssatelliten nie erfüllen konnte, stand der NASA, der US Navy und der USAF so bis 1994 eine zuverlässige Transportmöglichkeit für derartige Nutzlasten zur Verfügung. Da die vergleichsweise simplen Startkomplexe für die Scout sowohl in Cape Canaveral, als auch auf der Vandenberg AFB und auf Wallops Island, ja sogar auf einer schwimmenden Plattform am Äquator vor Kenias Küste errichtet worden waren, konnte die Scout praktisch alle denkbaren Inklinationen erreichen. Doch Anfang der 1990er Jahre sank allmählich der Stern der Scout. Die Fertigungskosten der Rakete waren im Laufe der Jahre deutlich gestiegen, während selbst die „kleinen“ Forschungssatelliten immer schwerer wurden. Und dann ging LTV 1992 in die Insolvenz. Der Hersteller der Rakete hatte zuletzt noch versucht, die Rakete selbst kommerziell zu vermarkten. Dazu war 1988 eine Vereinbarung mit dem italienischen SNIA BPD Konzern geschlossen
worden, der die Feststoffbooster für die europäische Ariane Rakete lieferte. Das Scout-2 Projekt (später unter dem Namen San Marco 1 fortgeführt), sah die Verstärkung einer Scout G1 mit zwei Feststoffboostern und den Einsatz einer neuen italienischen (Mage 2) Viertstufe vor. Damit konnten theoretisch 500 kg auf erdnahe Umlaufbahnen transportiert werden. Doch der Erfolg des Projekts blieb aus. Einer der Gründe dafür war die aufkommende Konkurrenz durch die OSC Pegasus Rakete, die schließlich auch ein würdiger Nachfolger der Scout wurde. Und so endete die fast 3½ Jahrzehnte währende Karriere der Scout Rakete am 09.05.1994. Interessanterweise brachte das Scout 2 Projekt aber doch noch einen Scout Nachfolger hervor. Denn die BPD Difesa e Spazio arbeitete auch nach dem Rückzug von LTV weiter an dem Konzept der San Marco Scout. Gefördert von der italienischen Raumfahrtbehörde ASI entstand das Projekt VEGA (Vettore Europeo di Generazione Avanzata). 1998 erhielt das Projekt, das bis dahin wenig Chancen auf Umsetzung gehabt hatte, schließlich die Unterstützung der ESA. Der Jungfernflug der VEGA ist nach einigen Verzögerungen nun für Anfang 2010 geplant, rund 16 Jahre nach dem letzten Start einer Scout Rakete. Mit einer makellosen Bilanz verabschiedete sich die Scout G1 mit dem Start des MSTI 2 Experiments für das DoD aus dem aktiven Einsatz.
Nur wenig erinnert heute noch an dieses nach anfänglichen Problemen so zuverlässige Arbeitspferd im Dienst von Wissenschaft und Forschung. Die meisten Startkomplexe wurden abgerissen oder umgebaut bzw. verrotteten, wie die Anlagen auf der schwimmenden „San Marco“ Plattform. Der LTV Konzern wurde zerschlagen, seine Überreste gingen in anderen Unternehmen auf. Nur wenig Hardware hat die Zeit überdauert. So können im London Science Museum und im Smithsonian National Air and Space Museum komplette Scout Raketen bewundert werden. Eine Blue Scout Junior (siehe unten) wurde vom Air Force Space and Missile Museum in Cape Canaveral restauriert. Auch das Strategic Air and Space Museum in Nebraska stellt eine Blue Scout aus.
Die NASA Scout Rakete hatte eine wenig bekannte USAF „Stiefschwester“, die Blue Scout. Im Gegensatz zur zivilen Variante, die unter Systemführerschaft von LTV gebaut wurde, entstand diese bei Ford Aeronutronics. Noch stärker als die NASA setzte die USAF bei ihrem Projekt auf den Einsatz von Baugruppen aus dem „Baukasten“. Änderungen sollten auf das Notwendigste beschränkt werden. Im Rahmen des HETS (Hyper Environmental Test System) Projekts (System 609 A) wurde so zunächst die Blue Scout I XRM-89 entwickelt, eine dreistufige Forschungsrakete. Sie bestand aus den drei Oberstufen, wie sie auch bei den frühen NASA Scout eingesetzt wurden. Eine vierstufige Modifikation, die Blue Scout II (XRM-90) flog 1961 einige Male mit wechselndem Erfolg. Länger stand die 1960 erstmals erprobte XRM-91 Blue Scout Junior alias Journeyman B im Einsatz. Diese vollkommen ungesteuerte Rakete verband die „Castor“ und „Antares“ Zweit– und Drittstufe der NASA Scout mit einem „Alcor“ bzw. „Cetus“ Triebwerk als Dritt– und Viertstufe. Nach einigen Forschungsmissionen 1960/61 wurde das Blue Scout Junior Programm 1962 bis 1965 mit einer Weiterentwicklung, der SLV-1 B/C, fortgesetzt. Bis Ende 1967 stand zudem das sogenannte UHF Emergency Rocket Communications System der ersten Generation im Dienst. Dazu wurden Blue Scout Junior Raketen auf verschiedenen Raketenbasen stationiert. Im Kriegsfall sollten sie, wenn alle anderen Kommunikationssysteme zusammengebrochen waren, auf hohe ballistische Bahnen gestartet werden und zuvor aufgenommene Kommandos im UHF Bereich an andere Stützpunkte im Funkbereich abstrahlen. Auch die NASA flog eine dreistufige Variante als RAM-B. Neben dem Blue Scout Projekt betrieb die USAF aber auch noch ein eigenes Programm zum Start von Satelliten mit Scout Raketen, die jedoch von der NASA erworben wurden. Üblicherweise flogen DoD Nutzlasten auf Scout Raketen, für deren Einsatz die NASA eine Vergütung erhielt. Doch für das streng geheime Programm 417 beschritt man einen anderen Weg. Die NASA bestellte wie gewohnt die Komponenten für die Raketen, doch lag die Verantwortung für die Montage und den Start in den Händen der USAF. Kaum jemand bei der NASA war sich der Bedeutung dieses Programms bewußt. Doch für die USAF hatte es höchste Priorität, daher auch die extreme Geheimhaltung. Denn Programm 417 hatte den Start kleiner meteorologischer Satelliten zum Ziel, die sowohl die Ergebnisse der satelliten– und flugzeuggestützten Aufklärung verbessern sollten, als auch zunehmend der Einsatzplanung im Vietnamkrieg dienten. Umso frustrierender war es für die USAF, daß von den fünf Starts zwischen April 1962 und September 1963 lediglich einer vollständig und einer teilweise erfolgreich verlief. Und selbst bei diesen beiden Starts waren erhebliche Probleme mit der Rakete aufgetreten. Die Geheimhaltung hatte in diesem Fall die Weitergabe wichtiger Erfahrungen verhindert, die die NASA bei ihren Starts bereits gesammelt hatte und führte zur Wiederholung eigentlich bekannter Fehler. Auch der von der USAF forcierte Einsatz einer neuen Lockheed MG-18 Viertstufe löste dieses Grundproblem nicht. Doch trotz dieser mißglückten Kooperation setzten USAF und US Navy in den folgenden Jahrzehnten immer wieder auf die kleine Scout Rakete, für die inzwischen u.a. die anfangs so kritisierte Zuverlässigkeit sprach…
