Das Ende des ELDO Projekts

eldo_logoDas 1961 mit großen Hoffnungen und Erwartungen begonnene Programm zur Entwicklung einer (west-)europäischen Trägerrakete für einen unabhängigen Zugang zum Weltraum wurde nach vielen Rückschlägen am 27.04.1973 auch formell eingestellt. Bei der Gründung der European Launcher Development Organisation hatte man leider versäumt, eine wirklich handlungsfähige Organisation zu formieren. Das Ergebnis waren ein anhaltendes Kompetenzgerangel, Entwicklungen, die weniger von technischen Gegebenheiten als vom politischen Proporz geprägt waren, und schließlich eine chronische Unterfinanzierung. Dabei hatte die Idee zunächst erfolgversprechend geklungen. Großbritannien, auf der Suche nach einer sinnvollen „Zweitverwertung“ für seine kostspielig entwickelte Blue Streak IRBM, brachte eine Erststufe in das Projekt ein, die technisch mit der US ICBM Atlas bzw. der IRBM Thor konkurrieren konnte. Zwar war deren Entwicklung noch nicht komplett abgeschlossen, doch basierte der Antrieb auf den Rocketdyne Triebwerken der beiden vorgenannten US Raketen. Doch schon hinsichtlich der zweiten Stufe gab es bei den Staaten, die ihr Interesse an der Idee einer europäischen Trägerrakete bekundet hatten, Streit. Großbritannien war mit eigenen Studien für ein komplettes Trägersystem in die Verhandlungen gegangen. Als Zweitstufe bot sich aus nationaler Sicht die Black Knight Forschungsrakete an. Frankreich machte jedoch die Teilnahme am ELDO Projekt davon abhängig, daß es die Zweitstufe beisteuern könnte. Grundlage für die Entwicklung der Stufe sollte die Véronique Forschungsrakete sein. Optimal war weder der britische noch der französische Vorschlag. Waren die ersten Gespräche zur Entwicklung der Trägerrakete noch auf bi-​nationaler Ebene erfolgt, bekundeten bald schon auch weitere Nationen ihr Interesse an einer Teilnahme. Die deutsche Politik war anfangs unentschlossen, während die Industrie großes Interesse hatte. Als Deutschland sich schließlich dem Projekt anschloß, sicherte man sich die Systemführerschaft für die Drittstufe der Rakete. Mehr als 1½ Jahrzehnte nach dem Kriegsende bedeutete das aber für die gerade erst von einigen alliierten Beschränkungen befreite nationale Luftfahrtindustrie eine enorme Herausforderung. Keineswegs konnte man an die Erfahrungen mit dem Aggregat-​4 aus den 1930er und 40er Jahren anknüpfen. Unter Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Interessen und des finanziellen Anteils der Beteiligten entstand so der ELDO-​A Entwurf, der das Kunststück fertigbringen sollte, drei in nationaler Eigenverantwortung gefertigte Raketenstufen mit drei unterschiedlichen Treibstoffkombinationen zu einem funktionierenden Ganzen zu vereinen.
Start der Blue Streak F1Trotz nicht unerheblicher Verzögerungen verlief die Erprobung der einzelnen Stufen jeweils doch vielversprechend. Vor allem die Blue Streak flog, technisch gesehen, ab 1964 ohne ernste Probleme. Fehlschläge resultierten eher aus Irrtümern bei der Durchführung des Erprobungsprogramms. Die französische Zweitstufe Coralie mußte entgegen der ursprünglichen Planungen weitgehend neu entwickelt werden. Trotz ihres einfachen Aufbaus gab es bei der Erprobung diverse Rückschläge. Nach nur drei Testflügen mit einem Erprobungsmusteramens Cora wurde die Stufe trotz der Probleme bei allen Starts für einsatzbereit erklärt. Das ganze Gegenteil der Coralie war die deutsche Astris Drittstufe. Sie wurde nach modernsten Fertigungsverfahren in extremer Leichtbauweise (u.a. mit umfassendem Einsaz von Titan) gefertigt. Die dabei zu lösenden Probleme verzögerten die Aufnahme der Prüfstandversuche lang anhaltend. Dennoch konnte auch die dritte Stufe schließlich für einsazbereit erklärt werden.
Die Erprobung der dreistufigen ELDO Rakete wurde sehr systematisch angegegangen. Ausgehend von ballistischen Flügen der Blue Streak und der Cora folgten Starts der Blue Streak mit Oberstufenattrappen, aktiver Zweitstufe und schließlich erste Startversuche mit einem Testsatelliten. Die beiden ersten Versuche, eine Testnutzlast auf einen exzentrischen Orbit zu befördern, endeten mit der Explosion der Astris Stufe. Eine mühsame Ursachenforschung brachte die Umstände zu Tage, die zur ungeplanten Auslösung des Selbstzerstörungsmechanismus der Astris geführt hatten. Bei der Stufentrennung bildete sich ein elektrisch leitfähiges Gasgemisch um die Sprengbolzen. Das konnte wiederum zu einem Kurzschluß im elektrischen System der Astris führen. Zahlreiche Verbesserungen wurden daher vor dem entscheidenden letzten Erprobungsstart eingeführt. Coralie Stufe Und tatsächlich kam man diesmal einem Erfolg sehr nahe. Alle drei Stufen arbeiteten nahezu perfekt. Doch ein abgefallener Steckkontakt verhinderte die Abtrennung der Nutzlastverkleidung. Mittlerweile war es 1970 und man lag deutlich hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück. Auch wurde die Kritik an dem Projekt immer lauter. Insbesondere in den Medien wurde der Sinn einer europäischen Trägerrakete stark angezweifelt. Während die USA bereits zweimal erfolgreich Menschen auf dem Mond gelandet hatten, schafften es die Europäer nicht einmal, einen Satelliten aus eigener Kraft zu starten. Gleichzeitig suchte die NASA Partner für ihre Projekte der Post-​Apollo-​Ära. Großbritannien hatte sich ohnehin bereits weitgehend aus dem einst von ihm initiierten Programm zurückgezogen (angekündigt 1969 für 1971). Bemängelt wurde vor allem die ungenügende Nutzlastkapazität der ELDO-​A. Satelliten ihrer Nutzlastklasse konnte die Delta Rakete der NASA weitaus kostengünstiger starten, was die Befürworter einer engeren transatlantischen Zusammenarbeit stärkte. die deutsche Astris Stufe Tatsächlich war die ELDO-​I (Europa I) aber auch nur als Erprobungsträger konzipiert gewesen. Weitaus anspruchsvoller waren die Ziele des Nachfolgers ELDO-​II (Europa II). Diese Rakete sollte u.a. das Monopol der USA auf den Start geostationäre Nachrichtensatelliten brechen. Allerdings war auch ihre Nutzlastkapazität mit 170 kg auf den geostationären Orbit weitaus niedriger als die der General Dynamics Atlas-​Centaur. Bei einem Erfolg wäre der Nutzen aber klar erkennbar gewesen, sollte die Rakete doch u.a. zwei Kommunikationssatelliten für die Olympischen Spiele 1972 in München starten. Bei der ELDO hoffte man, den Imagegewinn nutzen zu können, um die bereits konzipierten Weiterentwicklungen umzusetzen. Neue kryogene Hochleistungsoberstufen sollten die Nutzlastkapazität für Synchronbahnen auf 1.000 kg steigern. Seit dem letzten Fehlstart einer ELDO-​A hatte man daran gearbeitet, die neue ELDO-​II einsatzbereit zu bekommen. Während in Kourou ein neuer Startkomplex entstand (die bisherige Erprobung war im australischen Woomera erfolgt), wurde in Deutschland die Astris Drittstufe vollkommen umkonstruiert. Sie konnte jetzt in verschiedenen Schubregimes betrieben werden und erhielt nun statt der bisherigen Kommandosteuerung ein Inertiallenksystem mit Bordrechner. Seinerzeit modernste Technik. Ausgerechnet diese Neuerungen waren für den Verlust der F11 Mission der ELDO-​II im November 1971 mit verantwortlich. Der Start schien zunächst erfolgreich zu verlaufen. Doch dann fiel der Bordcomputer aus und die Rakete geriet außer Kontrolle. Vordergründig lag die Ursache in der ungenügenden elektromagnetischen Störfestigekeit des Steuerungssystems. Tatsächlich hatte es aber an Tests des komplett integrierten Systems gemangelt. Auf Baugruppenebene hatte man die Systeme zwar ausgiebig getestet. Nie jedoch als Gesamtsystem. Somit waren die Konstruktionsfehler unentdeckt geblieben. Die ELDO stak nun endgültig in einer tiefen Krise. Immerhin hatte die Organisation mit dem vormaligen CNES Generaldirektor General Robert Aubinière ab 1972 einen durchsetzungsfähigen neuen Generalsekretär. Alle Hoffnungen ruhten nun auf dem F12 Flug der ELDO-​II. Verlief er erfolgreich, sollten F13 und F14 die beiden deutsch-​französischen Kommunikationssatelliten Symphonie starten. Weitere gebuchte Nutzlasten waren die COS-​B und GEOS Forschungssatelliten. Doch nach Großbritannien drohte nun Deutschland immer offener damit, die ELDO-II F.11 in Kourou aus dem ELDO Projekt auszusteigen. Hier bestand größeres Interesse daran, den NASA Vorschlag Sortie Lab zur Entwicklung eines Raumlabors für das Space Shuttle aufzunehmen. Vor allem die Chancen auf die Umsetzung des technisch aussichtsreichen ELDO-​III Konzepts für eine vollkommen neue Trägerrakete schwanden damit rapide. Woraufhin Frankreich unter dem Namen L3S (Lanceur de 3e génération de substitution) mit Studien für eine kostengünstiger und notfalls im nationalen Alleingang zu realisierende Rakete begann. Angesichts der praktisch bereits beschlossenen Einstellung des ELDO Programms schwand die Handlungsfähigkeit der ELDO Organisation ebenso rasch wie das Engagement der industriellen Partner. Die Verzögerungen führten schließlich dazu, daß der Starttermin der F12 um einige Monate auf den 01.10.1973 verschoben werden mußte. Dennoch trieb ein Rumpfteam von Experten die Vorbereitungen für diese voraussichtlich finale Mission voran. Ja sogar neue, teils hochkarätige Mitarbeiter, wurden eingestellt. In dem Glauben, daß mit dem ELDO-​III Entwurf der Durchbruch kommen würde. Der Ehrgeiz der Startamannschaften bestand zudem darin, daß Programm mit einer zum Einsatz qualifizierten Rakete abzuschließen. Am 12.04.1973 begann offiziell die F12 Startkampagne. Und am 27.04.1973 traf die Blue Streak Erststufe für die Mission per Schiff in Kourou ein.
Am selben Tag fand in Paris ein ELDO Treffen statt. Deutschland — und nun auch Frankreich — bekräftigten ihre Entscheidung, die Entwicklung der ELDO Rakete nicht länger mit tragen zu wollen. Deutschlands Drohung, aus dem Projekt auszusteigen, lag schon länger auf dem Tisch. Doch bei den letzten ELDO Treffen hatte man eine Entscheidung immer aufgeschoben. Seither hatte Frankreich sich bemüht, in bilateralen Treffen Deutschland für eine Unterstützung des L3S Entwurfs zu gewinnen. Schließlich auch mit Erfolg. Somit gab es auch für Frankreich keinen Grund mehr, das nicht mehr konsenzfähige ELDO Programm weiter zu unterstützen. Am 27.04.1973 wurde in Paris also vollzogen, was eigentlich längst beschlossen war. Erwartet worden war aber, daß wenigstens der F12 Versuchsstart noch vollzogen werden würde. Denn ein Großteil der erforderlichen Gelder hierfür war ohnehin bereits bewilligt worden. Während auf der anderen Seite des Atlantik die Erststufe der F12 entladen wurde, beschloß man in Paris die sofortige Einstellung des Programms. Mit Wirkung zum 01.05.1973 endeten alle Arbeiten an der ELDO-​II. Am 25.05.1973 stellte die European Launcher Development Organisation ihre Arbeit ein und wurde abgewickelt.
L3S Entwurf des CNESWenige Wochen später, im Juli 1973, fand in Brüssel ein Treffen der European Space Conference (ESC) statt. Beschlossen wurde der Start von drei neuen Großprogrammen: Spacelab, L3S und MAROTS. Damit war die initiale Entwicklungsphase der späteren Ariane Rakete abgesichert. Insbesonder Frankreich hatte seine Lehren aus dem ELDO Desaster gezogen. Die L3S Entwicklung, begonnen als nationales französisches Projekt, blieb auch nach der Einbeziehung weiterer Nationen ein stark französisch dominiertes Programm. CNES und später ESA übernahmen die zentrale Koordination des Projekts. Doch auch sie konnten nicht verhindern, daß nationale Egoismen Einfluß auf die Entwicklung der neuen Rakete nahmen. Denn die Länder, die die Entwicklung der Rakete bezahlten, forderten entsprechend ihres finanziellen Anteils eine Berücksichtigung bei Aufträgen für Entwicklung und Produktion. Das verkomplizierte unnötig die organisatorischen Strukturen und trieb auch die Kosten nach oben. Dennoch konnten die grundlegenden Fehler des ELDO Programms diesmal vermieden werden. Gründlich bei Prüfstandläufen getestet hob die erste Ariane Rakete schließlich am 24.12.1979 von Kourou zu ihrem erfolgreichen Jungfernflug ab. Die europäischen Bemühungen um einen eigenständigen Zugang zum Weltraum hatten, wenn auch mit bald einem Jahrzehnt Verzögerung, doch noch zum Erfolg geführt.