Wie taut man eine Raumstation auf?

Mit der Raumstation Saljut 7 verfügte die Sowjetunion seit April 1982 über einen äußerst erfolgreichen Außenposten im All. Eine Reihe von internationalen Gastkosmonauten hatte seither die Station besucht. Zuletzt besuchte mit Swetlana Sawizkaja auch noch eine Kosmonautin die Raumstation und unternahm ein Außenbordmanöver. Der erfolgreiche Betrieb von Saljut 7 trug wesentlich zu dem hohen Ansehen bei, das die sowjetische Raumfahrt in den 1980er Jahren genoß. Tatsächlich verlief das Saljut-​Sojus Programm aber nicht ganz so reibungslos. So hatte es schon mehrfach ernste technische Probleme mit der Station gegeben. Und auch die eigentlich angestrebte kontinuierliche Nutzung der Raumstation konnte nicht erreicht werden. Schon damals litt das gesamte sowjetische Raumfahrtprogramm unter einer zunehmenden Unterfinanzierung. Vor allem die Entwicklung der neuen Schwerlastrakete „Energija“ und der Raumfähre „Buran“, aber auch der neuen modularen Raumstation „Mir“ entzog den laufenden Programmen Finanzmittel. Als die Kosmonauten Leonid Kisim, Wladimir Solowjow und Oleg Atkow am 02.10.1984 nach einem 234-​tägigen Rekordflug zur Erde zurückkehrten, war Saljut 7 zuvor von ihnen auf einen mehrmonatigen autonomen Flug vorbereitet worden. Im Mai 2005 sollte dann mit dem Start von Sojus T-​13 wieder eine längere bemannte Phase eingeleitet werden. Seit Ende 1984 trainierte auch eine dreiköpfige reine Frauenmannschaft für eine Kurzzeitmission zu Saljut 7. Doch Anfang 1985 deuteten Telemetriedaten auf eine Reihe von Problemen mit der Station hin. Zeitweise war der Telemetrieempfang zudem gestört. Und am 11.02.1985 brach der Kontakt zur Raumstation sogar vollständig ab. Nach dem zunächst harmlosen Ausfall eines Senders hatte der Schichtleiter in der Flugleitung wiederholt versucht, daß Gerät erneut in Betrieb zu nehmen. Das führte schließlich zu einem Kurzschluß, der sich lawinenartig durch das elektrische System der Station ausbreitete. Innerhalb kürzester Zeit waren die Pufferbatterien entladen und Saljut 7 reagierte auf keine Funkbefehle mehr. Aber auch die automatischen Systeme an Bord waren ohne Strom. Die Station war vollständig außer Kontrolle geraten, konnte ihre räumliche Lage nicht mehr stabil halten und war praktisch ohne elektrische Energie, da die Solarzellenflächen nicht mehr zur Sonne ausgerichtet waren.
Nachdem alle Versuche erfolglos geblieben waren, wieder Kontakt zu Saljut 7 herzustellen, mußte man Ende Februar 1985 eine Entscheidung treffen, wie weiter vorgegangen werden sollte. Offiziell befand sich die Raumstation noch im kontrollierten autonomen Flug. Sicherheitshalber verbreitete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS am 01.03.1985 dennoch eine Meldung, wonach „das geplante Programm der Arbeiten an Bord von Saljut 7 erfüllt“ sei und sich die „Station im automatischen Flugregime“ befände. Damit wollte man offenbar unangenehmen Fragen vorbeugen, sollte die Station tatsächlich aufgegeben werden müssen. Doch westlichen Beobachtern war längst aufgefallen, daß Saljut 7 unkontrolliert taumelte. Eigentlich hätte man Saljut 7 tatsächlich aufgeben und einen ungesteuerten Wiedereintritt riskieren müssen. Für das Image der sowjetischen Raumfahrt wäre dies aber ein schwerer Rückschlag gewesen. Zudem auch das ernstzunehmende Risiko bestand, daß Trümmer der Station auf bewohntes Gebiet stürzen würden. Außerdem waren die Konstrukteure der Raumstation natürlich daran interessiert in Erfahrung zu bringen, was tatsächlich an Bord von Saljut 7 vorgefallen war. Schließlich arbeitete man gerade an der Fertigstellung der Nachfolgerin „Mir“, die als Basis für Langzeitflüge konzipiert war. Vieler ihrer Systeme entsprachen aber denen der „Saljut“ Baureihe bzw. waren aus ihnen entwickelt worden.
Dshanibekow mit einem Modell der Saljut RaumstationIm März 1985 fiel schließlich die Entscheidung, eine Reparaturmannschaft zu Saljut 7 zu entsenden. Als primäre Mannschaft wurden Wladimir Dshanibekow und Viktor Sawinych ausgewählt. Kommandant Dshanibekow verfügte über die Erfahrung von bereits vier Raumflügen und galt als Kopplungsspezialist. Sein Bordingenieur Sawinych hatte zwar erst einen Raumflug absolviert, befand sich aber ohnehin gerade im Training für die Sojus T-​13 Mission. Und viel Zeit für ein Grundlagentraining verblieb nicht. Da man wußte, daß die Station im All taumelte, die Kopplungs-​Hilfssysteme aber alle ausgefallen waren, mußte man sich auf ein weitgehend handgesteuertes Rendezvous mit der nur schwer auszumachenden Raumstation einstellen. Daher wurde das Militär um Unterstützung gebeten. Dieses stellte u.a. einen Laser-​Entfernungsmesser und ein Nachtsichtgerät zur Verfügung. Unter Einsatz dieser Gerätschaften trainierten die Kosmonauten wieder und wieder das Rendezvous– und Kopplungsmanöver. Parallel dazu stellten die Ingenieure Ersatzteile und Werkzeuge für die anstehenden Reparaturen zusammen. Dabei konnte man über Art und Ausmaße der Schäden nur Mutmaßungen anstellen. Simulationen hatten immerhin ergeben, daß im Inneren der Station mittlerweile Temperaturen weit unter Null Grad herrschen mußten. In den USA hatten die Geheimdienste inzwischen alle verfügbaren Informationen zum Zustand von Saljut 7 zusammengetragen. Das Dossier wurde US Präsident Ronald Reagan vorgelegt, der daraufhin angeblich zeitweise erwog, der Sowjetunion eine Space Shuttle Mission zur Unterstützung anzubieten. Das für seine Rede vor dem National Space Club am 24.03.1985 erwartete Angebot blieb aber aus.
Verabschiedung der Sojus T-13 BesatzungSchließlich startete am 06.06.1985 um 06:40 UTC eine Sojus-​U2 11A511U2 Rakete mit den Kosmonauten Dshanibekow und Sawinych an Bord des Sojus T-​13 Raumschiffs. Während TASS die übliche nichtssagende Pressemitteilung zum Start veröffentlichte, sprach der Chefkosmonaut Wladimir Schatalow von einer „komplizierten“ Mission. Außerdem erwähnte er, daß die beiden Kosmonauten ein zusätzliches Training zu verschiedenen Annäherungsverfahren erhalten hatten und auf umfangreiche Reparatur– und Wartungsarbeiten vorbereitet waren. Begründet wurden diese aber lediglich mit der langen Nutzungsdauer der Station. Unterdessen unternahmen Dshanibekow und Sawinych mit ihrem Raumschiff am 07.06.1985 zwei weitere Bahnkorrekturen. Üblicherweise erfolgte die Kopplung (oder zumindest der Kopplungsversuch) mit der Saljut Raumstation etwa 25 bis 26 Stunden nach dem Start. Diesmal nahm die Annäherung mehr Zeit in Anspruch. Der Anflug erfolgte unter Verwendung von Bahndaten für Saljut 7, die die Raketenabwehrtruppen ermittelt hatten. Erst am 08.06.1985 um 08:50 UTC koppelte Sojus T-​13 am Bug der Raumstation an. Hinter den Kosmonauten lag ein nervenaufreibendes Annäherungsmanöver. Trotz der knappen Treibstoffvorräte ihres Sojus Raumschiffs umflogen sie zunächst die Raumstation, um sich einen Überblick über ihren äußeren Zustand zu verschaffen und sich auf ihre mehrachsige Taumelbewegung einzustellen. TV-​Aufnahmen der Station wurden zur Erde übertragen. Auf den Bildern war zu erkennen, daß einer der Solarzellenausleger um 70° bis 90° verdreht war, während sich der gegenüberliegende wohl sogar aus der Verankerung gelöst hatte! Schließlich gelang es Dshanibekow, das Sojus Raumschiff in eine geeignete Ausgangsposition für das manuelle Rendezvousmanöver zu steuern. Mit der Erfahrung aus dem Sojus T-​6 Unternehmen, bei dem ihn ein Computerdefekt im Endanflug gezwungen hatte, die Handsteuerung zu übernehmen, gelang das Manöver. Erst am 10.06.1985 bestätigte TASS die erfolgte Kopplung. Da hatten die Kosmonauten längst mit der Wiederherstellung der Station begonnen. Zunächst versicherten sie sich, daß die Station noch hermetisiert war, dann entnahmen sie eine Luftprobe um sicherzustellen, daß die Atmosphäre der Raumstation keine giftigen Stoffe enthielt. Dann machten sie sich an die Bestandsaufnahme der Schäden. Voraussetzung für eine erfolgreiche Rettung war aber die Wiederherstellung der Energieversorgung. Dazu wurde unter Einsatz der Sojus Triebwerke zunächst die gesamte Raumstation halbwegs so gedreht, daß die Solarzellen möglichst viel Sonnenlicht auffangen konnten. Die Innentemperatur der Raumstation lag bei unter 20° C. Wasserleitungen waren geborsten, elektrische Installationen verschmort. Fast 24 Stunden ohne Unterbrechung arbeiteten die beiden Kosmonauten im Schein von Taschenlampen, bevor sie sich in ihr enges Sojus Raumschiff zurückzogen, wo immerhin etwas angenehmere Temperaturen herrschten. Stück für Stück konnten an den folgenden Tagen die Installationen ausgetauscht oder repariert werden, allmählich taute die Station wieder auf. Wichtig war vor allem die Feststellung, daß immerhin sechs der acht großen Pufferbatterien an Bord die Tiefentladung überlebt hatten. Das ließ die Hoffnungen auf eine Rettung der Station steigen. Denn anderenfalls hätte man eine Lösung finden müssen, um die schweren und sperrigen Batterien zu ersetzen. Doch so konnte die erste Pufferbatterie am 10.06.1985 wieder als einsatzbereit gemeldet werden. Am 13. und 14.06.1985 erfolgten erste Tests mit dem Orientierungssystem der Station und den Triebwerken. Sie verliefen absolut zufriedenstellend und bereiteten den Weg für die Entsendung eines Dshanibekow und Sawinych während der Reparaturen von Saljut 7unbemannten Progress Transportraumschiffs. Mit dem Teleprinter stand nun auch wieder ein wichtiges System zur Verfügung, über das den Kosmonauten Anweisungen von der Erde übermittelt werden konnten. Bis zum 14.06.1985 hatte sich die Situation an Bord soweit normalisiert, daß die Kosmonauten dem sowjetischen Staatsfernsehen ein TV-​Interview geben konnten. Das Kontrollzentrum sah die Situation soweit als stabil an und gewährte Dshanibekow und Sawinych zwei Tage zur Erholung. Am 16.06.1985 gab es dann auch wieder Licht und fließend Wasser an Bord, die Temperatur lag im Plusbereich. Rechtzeitig bevor die mitgebrachten knappen Lebensmittelvorräte aufgebraucht waren, konnten die Kosmonauten wieder auf die Vorräte der Station zugreifen. Und so konnten am 19.06.1985 erste wissenschaftliche Experimente aufgenommen werden. Einen Tag vor dem Ankoppeln der Versorgungsraumschiffs Progress 24 am 23.06.1985 waren alle grundlegenden Reparaturen abgeschlossen. Eine in der Geschichte der Raumfahrt bisher einmalige Rettungsaktion war erfolgreich abgeschlossen worden.
Für Dshanibekow und Sawinych war ihr Flugauftrag aber noch längst nicht beendet. Statt sie schnellstmöglich abzulösen, schickte ihnen das Konstrollzentrum Instruktionen für die weitere wissenschaftliche Arbeit an Bord der Station. Und auch die Reaktivierung der Saljut 7 Bordsysteme lief weiter. Mit Progress 24 hatten neben Treibstoff und 280 kg Trinkwasser u.a. auch drei neue Batterien, ein „Samowar“ und 40 kg Ersatzteile die Station erreicht. Mit an Bord waren auch zwei neue „Orlan-​DM“ Raumanzüge, da man den alten nicht mehr traute. Am 27.06.1985 hatten die Kosmonauten ihren neuen Wassererhitzer angeschlossen. Zwei Tage konnten sie ein neues Fernsehkamera-​System in der Station in Betrieb nehmen. Die Wassertanks konnten bis zum 02.07.1985 aus den Vorräten von Progress 24 befüllt Gruppenfoto der Mannschaften von Sojus T-13 und T-14werden und am 05.07.1985 waren auch die Batterien angeschlossen. Am 15.07.1985 kehrte das mit defekten Ausrüstungsgegenständen beladene Progress 24 Raumschiff zur Erde zurück und verglühte planmäßig in der Atmosphäre. Am 19.07.1985 startete das nächste Progress Raumschiff. Da es aufgrund technischer Probleme zunächst so aussah, als wenn der Frachter die Raumstation nicht erreichen würde, wurde dieses Exemplar nicht als Progress 25 bezeichnet, sondern als Kosmos 1669. Schließlich gelang es aber, die Probleme zu überwinden und Kosmos 1669 an Saljut 7 anzukoppeln. Nun erreichten auch wissenschaftliche Experimente zur Fortführung des Forschungsprogramms die Raumstation. Und nach einem Außenbordmanöver am 02.08.1985, bei dem Dshanibekow und Sawinych mehrere kleine Zusatzsolarzellenflächen außenbords montierten und einen französischen Kollektor zum Sammeln von Kometenstaub anbrachten, entwickelte sich die vierte Langzeitmission an Bord von Saljut 7 zunehmend zu einem Routineunternehmen.
Saljut 7 / Sojus T-14 gesehen von Sojus T-13Am 05.08.1985 veröffentlichte die sowjetische Parteizeitung „Prawda“ einen umfangreichen Artikel, in dem der frühere Kosmonaut und an der Entwicklung von Sojus und Saljut beteiligte Konstrukteur Konstantin Feoktistow erstaunlich offen die Probleme mit Saljut 7 und ihre Rettung beschrieb. Detaillierte Informationen wurden vor allem zum heroischen Einsatz der beiden Kosmonauten gegeben. Diese erlangten daraufhin in der Sowjetunion ungewohnte Popularität. Zwar genossen Kosmonauten in der Sowjetunion ohnehin hohes Ansehen. Doch hatten Dshanibekow und Sawinych tatsächlich eine in vieler Hinsicht herausragende Leistung geboten. Nicht zuletzt mit hohem persönlichen Einsatz bis zur Grenze der Belastbarkeit war ihnen die Rettung der Raumstation in einer schon hoffnungslosen Situation gelungen. Und da die sowjetischen Medien auch offen darüber berichten durften, stieg ihre Popularität noch weiter.
Kommandant Dshanibekow kehrte am 26.09.1985 mit Sojus T-​13 zur Erde zurück und verließ am 24.06.1986 das Raumfahrercorps. Bereits 1985 war er zum Generalmajor der Luftstreitkräfte befördert worden. Außerdem übernahm er das Kommando über die Kosmonautenausbildung (bis 1988). Im Jahr 1988 wurde er zum Leiter der theoretischen Ausbildung am Kosmonautenausbildungszentrum J. A. Gagarin berufen. Von 1985 bis 1990 vertrat er zudem seine Heimatrepublik Usbekistan im Obersten Sowjet der UdSSR. Mit Erreichen der Altersgrenze wurde er 1997 in den Ruhestand versetzt. Sein Bordingenieur Sawinych sollte dagegen erst im Frühjahr 1986 nach zehn Monaten im All zur Erde zurückkehren. Damit wäre auch das Ende der bemannten Präsenz an Bord der Station verbunden gewesen. Doch die Ereignisse entwickelten sich auf dramatische Weise anders. Seit Ende Oktober 1985 prägten sich beim neuen Kommandanten der Station, Wladimir Wasjutin, zunehmende Krankheitssymptome aus. Schließlich mußte das Flugleitzentrum den Abbruch der Mission und eine schnellstmögliche Rückkehr zur Erde anordnen. Nachdem diese Entscheidung gefallen war, blieb den Kosmonauten nur wenig Zeit, die Experimente in der Raumstation zu beenden und ihre Systeme zu konservieren. Eine Reihe von biologischen Langzeitversuchen war damit unwiederbringlich verloren. Da nicht klar war, wann die nächste Besatzung starten würde, mußte alles für einen längeren autonomen Betrieb hergerichtet werden. Alle drei Kosmonauten kehrten am 21.11.1985 sicher mit Sojus T-​14 zur Erde zurück. Sawinych flog 1988 noch einmal für eine Woche zur neuen Raumstation Mir, bevor auch er Anfang 1989 aus dem Raumfahrercorps und bei seinem Arbeitgeber, dem ZKBEM, ausschied. Bereits 1988 war er zum Rektor des Moskauer Instituts für Geodäsie, Luftbildfotografie und Kartographie (MIIGAiK, russ. МИИГАиК) gewählt worden. Im Februar 1989 nahm er seine neue Arbeit auf. Seither wurde er mehrfach für seine wissenschaftlichen Arbeiten ausgezeichnet mit wichtigen Aufgaben beim Aufbau von Strukturen zur Geodäsie und Geofernerkundung beauftragt. Im Jahr 2007 schied er altersbedingt aus diesem Amt aus, wurde jedoch zum Präsidenten der Universität gewählt.