Hintergrundartikel
Olafs Raumfahrtkalender

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Geschichte und Geschichten aus sechs Jahrzehnten Raumfahrt

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Statistik erstellt: 2018-06-19T10:23:37+02:00

Features

SAS — Retter in der Not

Mit Ausnahme des amerikanischen Space Shuttle und der sowjetischen Woschod Missionen verfügten alle bemannten Orbitalsysteme bisher über ein mehr oder weniger wirkungsvolles Rettungssystem für den Fall einer katastrophalen Fehlfunktion in der Startphase. sojus_t-10a_crew Als weltweit bisher einziges System mußte das sowjetische SAS (Cистема Aварийного Cпасения) seine Wirksamkeit im Ernstfall unter Beweis stellen.
1983 war ein schwieriges Jahr für das bemannte sowjetische Raumfahrtprogramm. Ende 1982 hatte der sowjetische „Chefkosmonaut“ Georgi Beregowoi noch verkündet, daß Saljut 7 ab dem nächsten Jahr permanent bemannt betrieben werden sollte. Und mit dem Ankoppeln des Modulsatelliten Kosmos 1443 im März 1983 verdoppelten sich praktisch die Masse und das Volumen des Orbitalkomplexes. Alles schien bereit, eine neue Phase des Einsatzes bemannter Raumstationen einzuleiten. Doch die Wiederinbetriebnahme von Saljut 7 durch die nächste Besatzung verzögerte sich unerwartet. Als im April 1983 Sojus T-​8 endlich startete, konnte das Raumschiff nicht ankoppeln, da die Antenne des Rendezvoussystems nicht korrekt ausgeklappt war. Erst Ende Juni 1983 gelang es der nächsten Sojus Besatzung, die Station zu reaktivieren. Doch mußte sie relativ viel Zeit aufwenden, sojus_t-10a_explosion1 um mehrere Defekte, die die Raumstation Saljut 7 heimgesucht hatten, zu reparieren bzw. zu umgehen. Daher wurde beschlossen, die unglückliche Sojus T-​8 Besatzung, Wladimir Titow und Gennadi Strekalow, kurzfristig mit Sojus T-​10 zu ihrer Verstärkung zu entsenden. Nach einigen Wochen gemeinsamer Arbeiten sollten sie im November 1983 die Station von ihren Kollegen übernehmen. Doch auch diesmal erreichten die beiden Kosmonauten ihr Ziel nicht. Dabei war der Countdown zum Start am 26.09.1983 reibungslos verlaufen. Weniger als zwei Minuten waren bis zum Startzeitpunkt verblieben, die Rampe bereits geräumt und alles Personal hatte die Bunker aufgesucht, als durch die Periskope des Startbunkers Flammen sichtbar wurden, die die Basis der Rakete einhüllten. sojus_t-10a_explosion2 Die Kosmonauten an Bord der Sojus merkten davon nichts, spürten lediglich einige ungewöhnliche Erschütterungen. Diese führten sie aber auf den böigen Wind zurück, der an diesem Tag über die kasachische Steppe wehte. Das Feuer am Boden breitete sich unterdessen schnell aus, offenbar lief Treibstoff aus der Rakete aus. Die Flammen setzten den Asphalt der Zufahrtsstraßen in Brand und liefen entlang der zahllosen Kabeltrassen im Untergrund des Gagarin-​Startkomplexes. Um zu verhindern, daß die Flammen auf weiter entfernte Treibstoffdepots und Installationen übergriffen, mußten die Rettungsmannschaften auch jene Kabel kappen, die das Feuer noch nicht zerstört hatte. Damit unterbrachen sie aber auch die Verbindung zum Sojus Raumschiff an der Spitze der 40 m hohen Rakete. Die Kosmonauten konnten nicht informiert werden, in welcher Gefahr sie schwebten. Doch auch sie realisierten, daß etwas nicht nach Plan lief, als sich ihre Rakete unverhofft zur Seite neigte. Am Boden hatte inzwischen Juri Semjonow, damals technischer Leiter des Saljut 7 Komplexes, den Ernst der Lage erkannt und die Parole „Dnjestr“ ausgegeben. Das war das Passwort für die Aktivierung des SAS Rettungsraketensystems. Innerhalb von nur 4 s brachte der starke Feststoffmotor des SAS den Kopfblock der Rakete in einige Kilometer Entfernung vom Startkomplex, wo inzwischen die in sich sas zusammengesunkene Sojus-​U 11A511U die Szene in einigen gespenstischen nächtlichen Feuerschein hüllte. Titow und Strekalow waren bei dem Manöver kurzzeitig Beschleunigungswerten von bis zu 18 g ausgesetzt. Dann wurde der Abstieg jedoch aerodynamisch stabilisiert und die Abtrennung der Landekapsel vom Rest des Raumschiffs eingeleitet. Nach dem Abwurf des Hitzeschildes und dem Ausstoßen des Notschirms setzte die Kapsel sicher in 4 km Entfernung auf. sas_operation Wenig später hatten die Kosmonauten selbst die Luke geöffnet und erwarteten die Ankunft des ersten Hubschraubers mit Rettungskräften, der sie nach 15 min erreichte. Zur Erleichterung aller hatten Titow und Strekalow das Abenteuer unversehrt überstanden.
Unmittelbar nach dem Unglück nahmen zivile und militärische Experten die Suche nach der Ursache auf. Aus den Trümmern geborgen wurde schließlich auch jenes WP-​5 Ventil aus dem Gasgenerator-​System von Block B, dessen Defekt sich als ursächlich erwies.
Während der Zwischenfall in der Sowjetunion nicht bekannt gemacht wurde, meldeten westliche Nachrichtenagenturen das Ereignis praktisch umgehend. Da sich das Ereignis also nicht mehr verheimlichen ließ, fand es immerhin noch vor dem Ende der Sowjetunion Erwähnung in der Fachliteratur. Auch für die beiden beteiligten Kosmonauten hatte die Geschichte letztlich ein versöhnliches Ende. Beide absolvierten später noch je drei (erfolgreiche) Raumflüge, gemeinsam flogen sie aber nie wieder.